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Weltweit vertraut die Schifffahrt auf Seenotsignalmittel aus Bremerhaven

28.06.2019, Autor: Wolfgang Heumer
Kein Seemann möchte sie je benutzen: Seenotraketen, -fackeln oder Rauchdosen. Dass sie in der Berufsschifffahrt ein Muss sind, geht auf den Titanic-Untergang zurück. Schiffe hielten damals ihre Raketensignale für Feuerwerk. Heute sind rote Signalraketen und orangefarbener Rauch als optische SOS-Signale weltweit vorgeschrieben. Produziert werden sie vom Weltmarktführer Wescom Signal & Rescue in Bremerhaven.
Das Werksgelände von Wescom Signal & Rescue am Stadtrand von Bremerhaven schmiegt sich zwischen Wiesen, Baumgruppen und kleinen Hügeln. Die Idylle ist der Sicherheit geschuldet. Denn Schwarzpulver und Nitrozellulose sind die wichtigsten Bestandteile der hier gefertigten Raketen, Fackeln und Rauchdosen, die Seeleuten in Not Rettung bringen sollen.

Unternehmen produziert zwei Drittel der weltweit verkauften Seenotgeräte
Routiniert zieht Ludwig Angermüller eine rote Lasche aus einer Dose von der Größe einer Familienpackung Erdnüsse. Doch statt Knabbereien quillt Sekunden später orangefarbener Rauch aus der Dose, die der 62-Jährige zuvor schnell auf den Boden gestellt hatte. Im Ernstfall könnte bald das Knattern der Rotoren eines Rettungshubschraubers zu hören sein, der an Hand des Rauches einen Schiffbrüchigen ortet. Tatsächlich rauschen jedoch nur die Baumwipfel rundherum, durch die der Wind den farbigen Qualm treibt.
 
Tag der Seenotretter am 28. Juli
Die Szenerie ist kein Teil eines tatsächlichen Seenotfalls, sondern eine Präsentation jener Mittel, die Seeleuten und Wassersportlern in höchster Not Hilfe bringen sollen. Ort des Geschehens ist das Werksgelände der Wescom Signal & Rescue Germany GmbH am Stadtrand von Bremerhaven, deren Fertigungsmeister Ludwig Angermüller ist. Inmitten einer Art Parklandschaft produziert das Unternehmen mit den Marken Comet und PainsWessex mehr als zwei Drittel aller Seenotraketen, Handfackeln, Rauchdosen und Leinenschussgeräte, die weltweit auf Berufsschiffen und Wassersportfahrzeugen mitgeführt werden. Seenotrettung und das Land Bremen gehören zusammen: Auch die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) hat hier ihren Hauptsitz, am 28. Juli feiert sie an zahlreichen Stationen an Nord- u. Ostseeküste den „Tag der Seenotretter“.
 
Nach Titanic-Untergang folgten Vorschriften für die Sicherheitsausrüstung
Die Geschichte der in Bremerhaven hergestellten Seenotsignalmittel ist eng mit einem der tragischsten Schiffskatastrophen der Neuzeit verbunden. Als die „Titanic“ 1912 auf der Jungfernfahrt nach New York mit einem Eisberg kollidierte und sank, befanden sich andere Schiffe in Reichweite. Doch deren Besatzungen hielten die bunten Raketensignale des Havaristen für ein Feuerwerk zum Vergnügen der Passagiere des Luxusschiffes. „Als Konsequenz wurden international verbindliche Vorschriften für die Sicherheitsausrüstung von Schiffen erlassen“, sagt Wescom-Vertriebsleiter Holger Mügge. Rettungsboote, Schwimmwesten sowie geeignete Signalmittel wurden obligatorisch. Dazu zählen neben der von Angermüller vorgeführten Rauchdose auch Handfackeln, Licht- und Rauchsignale, Leinenwurfgeräte sowie die klassischen Seenotraketen. Sie schießen eine rote Leuchtkugel 300 Meter hoch, die dann langsam an einem Fallschirm zu Boden sinkt. „Abgesehen von der Brandgefahr hier auf dem Gelände, würde ein solches Signal an der Küste sofort Alarm auslösen“, erklärt Produktionsleiter John Michaelis, warum es nicht zur Probe abgeschossen werden darf.

Raketenbau hat in Bremerhaven Tradition
Der Raketenbau hat in Bremerhaven eine lange Tradition. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte ein Unternehmer hier die ersten Walfangkanonen, deren Harpunen durch Schwarzpulver angetrieben wurden. Acht Jahre nach der „Titanic“-Katastrophe übernahm der Pyrotechnische Ingenieur Friedrich-Wilhelm Sander den Betrieb. Der Tüftler und Unternehmer aus Bremerhaven machte sich auch mit etwas anderem einen Namen: Er baute zusammen mit Fritz von Opel die berühmten Raketenwagen Opel-Sander Rak1 und Rak2, die Ende der 1920er Jahre von tollkühnen Fahrern gelenkt bis zu 235 Stundenkilometer erreichten. Dank der gleichzeitig rasant wachsenden Nachfrage nach Seenotsignalmitteln war seine kleine Werkstatt bald so erfolgreich, dass Sander mit der Produktion auf das heutige Wescom-Gelände umzog. Bis heute gilt Sander als Pionier des zivilen Raketenbaus. „Und im Grunde werden Teile unsere Seeenotraketen nach dem von ihm entwickelten Prinzip gebaut“, sagt John Michaelis.
 
Prinzip der Silvesterraketen zur absoluten Zuverlässigkeit perfektioniert
Dieses Prinzip ist grundsätzlich nicht anders als das der Silvesterraketen, die bis vor gut 15 Jahren vom Vorgängerunternehmen der heutigen Wescom parallel zu den Seenotsignalen produziert wurden. Eine Treibladung aus Schwarzpulver bringt die Rakete auf die gewünschte Höhe, dann wird das Leuchtmittel gezündet. Anders als beim Feuerwerk zum Jahreswechsel fliegt es jedoch nicht funkensprühend zur Seite, sondern sinkt an einem Fallschirm mit fünf Metern pro Sekunde zu Boden. Der wesentliche Unterschied zwischen Spaßfeuerwerk und den Seenotraketen ist naheliegend: „Unsere Signalmittel müssen extrem hohen Qualitätsanforderungen genügen“, betont Michaelis, „schließlich kann im Ernstfall das Leben vieler Menschen davon abhängen, dass sie einwandfrei funktionieren.“ Auch bei Sturm und Regen müssen die Raketen 300 Meter hoch steigen, zuverlässig muss die Leuchtkugel zünden und sich der von Hand genähte Fallschirm öffnen.
 
Mann-über-Bord-Bojen gehören auch zum Angebot
Regelmäßig kommen Experten der Berufsgenossenschaft Verkehr und der Bundesanstalt für Materialprüfung nach Bremerhaven, um die Produktion und die Produkte von Wescom zu prüfen. Das gilt auch für die weiteren Seenotmittel, die weltweit vorgeschrieben sind und in Bremerhaven hergestellt werden. Neben den Seenotraketen, Handfackeln und Rauchdosen in jedem Rettungsboot und jeder Rettungsinsel müssen an den Seiten der Brücke jedes Schiffes jeweils eine so genannte Mann-über-Bord-Boje installiert werden. Dieses Signal ist mit einem Rettungsring verbunden und enthält neben zwei Lichtern auch einen Rauchkörper. „Wenn jemand über Bord geht, kann sie sofort ins Wasser geworfen werden und markiert die Unglücksstelle“, erläutert Michaelis.
 
Hohe Sicherheitsstandards bei der Produktion
Dass bei den Wescom-Produkten Schwarzpulver als treibende Kraft im Einsatz ist, erklärt den parkähnlichen Charakter des Betriebsgeländes. „Aus Sicherheitsgründen müssen wir zwischen den einzelnen Produktionsstätten bestimmte Mindestabstände einhalten“, erläutert der Produktionsleiter. Zwischen manchen Gebäuden wurden Schutzwälle angelegt. Und: Jeweils eine Gebäudewand ist in Leichtbauweise aus Folie in einem Holzrahmen gebaut. „Falls es doch einmal zu einem Zwischenfall kommt, fliegt diese Wand sofort raus, so dass sich keine Druckwelle im Gebäude aufbauen kann“, sagt Michaelis. Auch die Arbeitssicherheit hat einen hohen Stellenwert: Wo Schwarzpulver verpresst werden muss, ist der eigentliche Produktionsplatz durch eine Trennwand und Schleuse vom Mitarbeiter getrennt. Die Maschine dahinter läuft nur an, wenn die Schleuse mit einer Zwei-Hand-Tastatur geschlossen gehalten wird. Sobald eine Hand loslässt, stoppt die Anlage.
 
Maschinen und Automaten müssen explosionsgeschützt sein
Bis vor knapp 20 Jahren wurden die Signalmittel zum größten Teil in Handarbeit gefertigt. Dass seinerzeit nach mehreren Eigentümerwechseln ein amerikanischer Investor das Unternehmen übernahm, freut Produktionsleiter Michaelis noch heute: „Wir haben die freie Hand und die erforderlichen Mittel bekommen, den Produktionsprozess zu automatisieren.“ Das Unterfangen erwies sich allerdings auch als Herausforderung. „Es gab keine Maschinen sozusagen von der Stange, die für unsere Zwecke geeignet wären.“ Nicht nur dass die Maschinen und Automaten explosionsgeschützt sein müssen: „Die Montage beispielsweise einer Rakete erfolgt in vielen kleinen Schritten und Bewegungen, die nur mit einem genau definierten Kraft und Geschwindigkeit ausgeführt werden dürfen“, sagt Michaelis.
 
Bestimmte Arbeitsprozesse gehen nur in Handarbeit
Präzision ist auch bei der Pressung der Treibsätze erforderlich. Sie müssen nicht nur eine ganz bestimmte Festigkeit und Konsistenz haben, um gleichmäßig abzubrennen - ihre Brennseite muss auch auf Millimeterbruchteile genau in abgestuften Ringen ausgeführt sein, damit der Treibsatz seine Schubkraft erst nach und nach entwickelt. Noch immer sind viele filigrane Arbeitsschritte nur durch Handarbeit zu erledigen, Arbeitsplätze wurden deshalb nicht abgebaut. Michaelis hat es allerdings längst aufgegeben, solche Arbeiten Männern zu übertragen: „Das notwendige Fingerspitzengefühl und die erforderliche Geschicklichkeit besitzen nur Frauen.“
 
Seenotmittel werden in die ganze Welt exportiert
Jährlich verlassen Hunderttausende von Seenotmitteln die Produktion in Bremerhaven und werden in alle Welt exportiert. Auch darin steckt eine Herausforderung: „Der Transport ist an extreme Sicherheitsanforderungen gekoppelt; es gibt beispielsweise nur wenige Speditionen, die über entsprechend ausgebildete Fahrer verfügen“, sagt Michaelis. Der hohe Bedarf an den Materialien liegt daran, dass jedes Schiff eine bestimmte Menge der Signale mitführen und sie regelmäßig erneuern muss. „Auf einem Kreuzfahrtschiff ist zum Beispiel jedes Rettungsboot und jede Rettungsinsel mit unseren Signalmitteln ausgestattet“, weiß Michaelis, „bei den heutigen Schiffsgrößen kommt da einiges zusammen.“
 
Tag der Seenotretter informiert über den Einsatz der Signalmittel
Für Wassersportler in Deutschland sind Seenotsignalmittel zwar nicht vorgeschrieben, in ihren Sicherheitsratschlägen empfiehlt die DGzRS aber Freizeitskippern, entsprechendes Material mitzuführen. Wescom ist den Seenotrettern eng verbunden - nicht nur weil die DGzRS-Zentrale in Bremen ist. Am 28. Juli werden die Besatzungen der 60 Seenotrettungskreuzer und -boote überall an der deutschen Küste auch die Handhabung von Signalmitteln demonstrieren. Am „Tag der Seenotretter“ wird an mancher Station sicherlich auch eine Rauchdose und vielleicht eine Signalrakete gezündet: „Die Seenotretter dürfen das, sie wissen ja, dass es zum Glück nur eine Übung ist“, sagt Ludwig Angermüller.
 
Pressekontakt:
Holger Mügge, Vertriebsleitung WesCom Signal & Rescue Germany GmbH, Telefon +49 (0)471 - 393-0, E-Mail: hmuegge@wescomsignal.com.

Bildmaterial:
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angege-benen Bildnachweises frei zum Abdruck.
 
Foto 1: Beeindruckende Vorführung: Fertigungsmeister Ludwig Angermueller entzündet eine Rauchfackel. Das Signal dieses Seenotmittels dauert eine Minute. © WFB/Joerg Sarbach
 
Foto 2: So klein und doch so große Wirkung: Produktionsleiter John Michaelis und Holger Muegge, Global Key Account & Strategic Projects Manager, präsentieren eine Fallschirmsignalrakete. © WFB/Joerg Sarbach
 
Foto 3: Rauchdosentest: Ihr Signal hält bis zu drei Minuten an. © WFB/Jörg Sarbach
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