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Selbständig lernen für die Selbstständigkeit

15.07.2020, Autor: Wolfgang Heumer
Bremerhavener Studierende gründen im GIF-Studium eigene Unternehmen

2018 startete der bundesweit einzigartige Studiengang „Gründung - Innovation – Führung“ an der Hochschule Bremerhaven. Ziel ist es, die Studierenden ins Unternehmertum zu bringen. Manche wurden bereits während ihres Studiums vom Erfolg ihrer Geschäftsidee überrascht.

Alessandro Cannetti möchte den Deutschen die Heimat seiner Eltern und Großeltern ans Herz legen. Das von ihm entwickelte Reiseprogramm „Travel Home“ soll Urlauberinnen und Urlauber nach Sizilien, in die Heimat seiner Vorfahren, bringen - Familienanschluss inklusive. Kontakte vor Ort hatte der 28-Jährige bereits geknüpft, die Werbemaßnahmen waren vorbereitet. Dann kam Corona und Cannetti musste alle Pläne erst einmal auf Eis legen. Enttäuscht ist er dennoch nicht. „Ich habe eine Menge dabei gelernt“, sagt der Bremerhavener, „das ist schließlich Sinn der Übung.“

„Hier lerne ich am Leben“

Alessandro Cannetti studiert an der Hochschule Bremerhaven mit dem Ziel, ein Unternehmen zu gründen. Vier Semester hat er im deutschlandweit einzigartigen Studiengang „Gründung - Innovation - Führung“ (GIF) bereits absolviert, Cannetti gehört zu den ersten Studierenden. Nun bereitet er sich für den Endspurt im Studium vor. „Hier lerne ich am Leben, hier kann ich mich selbst entwickeln“, markiert er den Unterschied zum herkömmlichen Studium. Denn mit Beginn müssen die Studierende echte Unternehmen gründen.

Der Professor ist hier „Coach“

Learning by doing - als die GIF-Studienplätze vor knapp drei Jahren erstmals ausgeschrieben wurden, gab es an keiner Hochschule in Deutschland ein Angebot, das diesem Prinzip folgte. „Wir verzichten bewusst auf Frontalunterricht, in dem den Studierenden Wissen einfach vorgesetzt wird“, sagt Studiengangsleiter und GIF-Initiator Professor Michael Vogel. Die Teilnehmenden erarbeiten sich das Wissen selbstständig im Team. Die Lehrenden heißen in diesem Studiengang Coaches: Sie beraten die Studierenden, weisen sie gegebenenfalls auf Fragen hin und geben den Anstoß dazu, wo und wie die Antworten zu finden sind. „Team Academy“ nennt sich dieses Prinzip, das aus Finnland stammt und dort schon seit mehr als 25 Jahren erfolgreich praktiziert wird.

„Ein Studium, in dem ich nur im Hörsaal sitze, wäre nicht in Frage gekommen“

„Das erforderliche hohe Maß an Eigeninitiative und -verantwortung „ist genau mein Ding“, meint Student Tim Lehner. Wie Cannetti zählt der 25-Jährige zu den „Pionieren“, wie die Studierenden der ersten Stunde von der inzwischen zweiten GIF-Generation genannt werden. Lehner entschied sich bewusst für das Studium. Er hatte da schon erste unternehmerische Erfahrungen mit Datenanalysen für Firmen gesammelt. „Ein Studium, in dem ich nur im Hörsaal sitze, wäre nicht in Frage gekommen.“ Gleichwohl ist ihm bewusst, dass nicht jeder Studierende jederzeit unbegrenzt Eigenmotivation und Selbstdisziplin mitbringen will oder kann. „Wenn jemand mal durchhängt, fangen wir ihn schon in der Genossenschaft auf.“

Die Unternehmen heißen „Luova“, Bluebird“ und „Startdocks“

Die von den Studierenden gegründeten Genossenschaft heißen „Luova“, Bluebird“ und „Startdocks“ und haben das Ziel Gewinne zu machen. Nur in einem Punkt unterscheiden sie sich von anderen Unternehmen: „Wir dürfen keine Kredite aufnehmen“, erläutert Alessandro Cannetti. Unter dem Dach der Genossenschaften setzen die Studierenden ihre Unternehmensideen um. Die Bandbreite ist groß: Beratungsleistungen, Produktentwicklungen, Webdesign, sogar Bremens erste Kombucha-Brauerei ist aus dem Studiengang hervorgegangen. Tim Lehner analysierte mit seinem Unternehmen Metricc Daten für den Einzelhandel. Mit dem verdienten Geld finanzieren die Genossen ihre Investitionen und mögliche Expansionen - was wofür verwendet wird, wird mehrheitlich entschieden.

Nicht jeder aber muss zwingend eine eigene Idee umsetzen. Ohnehin sind die Studierenden keine Einzelkämpfer, sondern unterstützen sich gegenseitig. „Jeder bringt sich dort ein, wo er seine eigenen Stärken sieht“, erläutert Michael Vogel. Genau das gehört zu den zentralen Botschaften des Studiengangs: „Wir versuchen nicht, Schwächen auszugleichen, sondern sagen: Erkenne deine Stärken und nutze sie.“

Führungsaufgaben gehören zum Inhalt des Studiums

Alessandro Cannetti hat das Prinzip beherzigt. Während er auf einen Neustart nach der Corona-Krise für „Travel Home“ hofft, hat er zwischenzeitlich ein wichtiges Amt übernommen: Er ist Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft „Startdocks“. „Führungs-Skills gehören ebenfalls zu den Lerninhalten“, erklärt er. Manchmal brechen die Studierenden ihre Unternehmungen aber auch ab, nicht unbedingt wegen Erfolglosigkeit, sondern wegen des Gegenteils. „Metricc hatte für den Einzelhandel ein digitales System entwickelt, um das Einkaufsverhalten der Kunden im Geschäft zu analysieren“, erzählt Professor Vogel. Die Kombination aus anonymisierten Bild- und Datenerfassungen entwickelte sich schnell zum Renner. Eine große Handelskette bekundete ihr Interesse. „Das wäre eine Riesenchance für die Studierenden gewesen, aber sie haben sich dagegen entschieden“, berichtet Vogel. Das Studium abzuschließen war ihnen wichtiger.

Selbstständigkeit lernen mit einem Module-System

So real und einnahmeorientiert die Unternehmungen unter dem Dach der Genossenschaften sind, „sind sie doch in erster Linie da, um mit ihrer Hilfe zu lernen“, erläutert Vogel das Prinzip des Studiengangs. Anders als in klassischen Hochschulausbildungen gibt es im GIF-Studiengang keine vorgegebenen Lernschritte und -abschnitte, sondern nur Module, mit denen sich die Studierenden innerhalb des gesamten Studiums auseinandersetzen müssen. Deswegen wird auch nicht geprüft und benotet, was sie an gelerntem Wissen wiedergeben können. Vielmehr müssen sie dokumentieren, welches Wissen sie sich aus welchem Grund und wie beschafft haben. Selbstständigkeit ist auch in dieser Bedeutung ein Teil des Programms.

Ob sie sich nach dem Studium mit dem darin verfolgten unternehmerischen Themen weiter beschäftigen, lassen die meisten der Studierenden auf sich zu kommen. Tim Lehner schließt nicht aus, dass er nach dem Bachelor noch einen Master-Studiengang aufnimmt. Alessandro Cannetti wird möglicherweise einen weiteren Anlauf für sein Projekt „Travel Home“ starten. Beide wissen aber eines genau: „Wir wollen auf jeden Fall selbstständig arbeiten.“

Pressekontakt:

Hochschule Bremerhaven, Professor Michael Vogel, Tel.: +49 471 4823-215, E-Mail: mvogel@hs-bremerhaven.de

Autor: Wolfgang Heumer

Bildmaterial:

Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

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Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet bereits seit Juli 2008 monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autorenstücke, die von Journalisten für Journalisten geschrieben werden. Es ist erwünscht, dass Journalistinnen und Journalisten den Text komplett, in Auszügen oder Zitate daraus übernehmen.
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