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Bremerhaven
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Auf der Suche nach dem Glück

29.11.2019, Autor: Wolfgang Heumer
Das Thema Einwanderung bekommt im Deutschen Auswandererhaus den gleichen Stellenwert wie Auswanderung
Migration ist etwas Alltägliches. Dennoch sind damit Sorgen, Hoffnungen und Ängste verbunden. Dem will sich das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven in einem neuen Ausstellungsteil stellen. Diskussionen sind erwünscht.

Im „Speisesaal“ des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven herrscht bisweilen ein babylonisches Sprachgewirr. Die Vielfalt rührt nicht nur daher, dass sich im bundesweit einzigartigen Migrationsmuseum Besucher aus aller Welt einfinden. Die meisten Beschäftigten des Museumsrestaurants sprechen Deutsch mit einem unüberhörbaren Akzent. „In unserer Gastronomie arbeiten fast ausschließlich Menschen, die aus dem Ausland hierhergekommen sind“, sagt Museumsdirektorin Dr. Simone Eick. Der in Gäste-Befragungen immer wieder bestätigte gute Service in der Museumsgastronomie habe einen wichtigen Nebeneffekt: „Das persönliche Erleben vermittelt den Besuchern eine glaubwürdig-positive Erfahrung zum Thema Migration, das ansonsten vielfach mit diffusen Ängsten verbunden ist“, ist Simone Eick überzeugt.

„Wir wollen ein Ort sein, an dem Sorgen und Hoffnungen ausdiskutiert werden können.“

Ursprünglich lag der thematische Schwerpunkt des 2005 eröffneten Museums in der Auswanderung nach Übersee: Bremerhaven war zwischen 1830 und 1974 der bedeutendste Auswandererhafen des Kontinents. Mit dem zweiten Bauabschnitt 2012 kamen 300 Jahre deutsche Einwanderungsgeschichte hinzu. Besucher erhalten darin vor allem einen besonderen Blick auf die Wirtschaftswunderjahre, zu deren Ende die rekrutierten Gastarbeiter längst nicht mehr besonders willkommen waren. Mit dem zweiten Anbau, der im Frühjahr 2021 eröffnet werden soll, gehen die Verantwortlichen nun einen Schritt weiter. „Wir wollen ein Ort werden, an dem Gedanken, Sorgen und Hoffnungen zum Thema Migration ausdiskutiert werden können“, sagt die Direktorin.

Museum zeigt Parallelen und Unterschiede in der Migrationsgeschichte

Durch die Erweiterung könnten Aus- und Einwanderung in der Ausstellung in einem vergleichbaren Umfang behandelt werden. Das ist Simone Eick sehr wichtig: Denn im Grunde seien beide Ausstellungsbereiche die zwei Seiten einer Medaille. Im Vergleich zwischen den Menschen, die nach Amerika gingen, und jenen, die nach Deutschland kamen, könnten die Besucher diverse Parallelen und Unterschiede sehr genau erkennen: „Damit habe ich einen viel globaleren Zugang, als wenn ich mich hier in der Bundesrepublik bewege in der Zeit von 1949 bis heute.“

„Pop-up-Museum“ zeigt Wechselausstellungen

Zum Neubau, dessen Arbeiten jüngst begonnen haben, wird auch ein von außen frei zugängliches „Pop-up-Museum“ gehören. Es ist in die Fassade des Neubaus integriert und kann auch ohne Eintrittskarte besucht werden. „Pop-up-Museen greifen neue Themen schnell, leicht verständlich und auch unterhaltsam auf“, erläutert Simone Eick. Darin will das Museum am Beispiel von Geschichten aus den Stadtteilen Bremerhavens zeigen, „dass Migration etwas Alltägliches ist und uns überall im Leben begegnet.“

Migrationskonflikte gab es in den letzten 300 Jahren immer wieder
 
Es ist noch nicht lange her, dass in Deutschland aus der zunächst bejubelten „Willkommenskultur“ eine vermeintliche „Flüchtlingskrise“ wurde. Dass Migranten als Bedrohung des eigenen Lebensstils empfunden werden und Anlass für konkrete Konflikte sein können, ist dabei gar nicht neu. „Das hat es in 300 Jahren Migrationsgeschichte immer wieder gegeben“, betont Historikerin Eick. Beispielhaft verweist sie auf die Hugenotten, die Anfang des 17. Jahrhunderts nach Brandenburg kamen und – nachdem sie von den dortigen Zünften nicht aufgenommen wurden – das feste Preisgefüge für Handwerksleistungen durcheinanderbrachten.
 
Es ist schwierig, diffusen Ängsten zu begegnen
 
Auch die „Ruhrpolen“, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Gebiet des heutigen Polens in die Bergbaugebiete an Rhein und Ruhr kamen, standen schnell im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen: „Weil sie sich durch die deutschen Gewerkschaften nicht ausreichend vertreten sahen, gründeten sie ihre eigenen Organisationen“, erläutert Eick, „vergleichbare Konflikte gibt es bis heute.“

Als die Migrantenströme als Folge des Bürgerkriegs in Syrien schließlich auf Deutschland und Europa trafen, kamen unbestimmte Ängste in der Bevölkerung auf. „Konkrete Konflikte wie Tarifstreitigkeiten kann man durch Verhandlungen lösen“, sagt Eick. Ängste sorgten für ähnlich große Unruhe, ihnen sei aber schwieriger zu begegnen. „Letztlich ist entscheidend, wie die Politik damit umgeht, wie die Unternehmen damit umgehen, wie wir alle damit umgehen.“

Museum bietet Plattform für Debatten zwischen Willkommenskultur und Flüchtlingskrise
 
Deshalb will auch das Deutsche Auswandererhaus künftig noch stärker als bisher durch Migration ausgelöste Ängste und Sorgen in den Blick nehmen. Zum neuen Bauabschnitt wird auch ein Forschungs- und Bildungsinstitut gehören. Jugendliche aus ganz Deutschland können hier in mehrtägigen Workshops zusammenarbeiten: Die angrenzende Ausstellung soll ihr Forschungsfeld werden, ergänzt durch die Expertise der Wissenschaftler des Hauses. Neben den Räumen für diese Gedanken-Werkstätten können Gruppen künftig auch einen 200 Quadratmeter großen „Open Space“ für eigene Ausstellungen und Aktionen nutzen.
 
Museum fördert mit Kalliope-Preis internationale Migrationsforschung
 
Auch will das preisgekrönte Museum, das zu den erfolgreichsten im Land Bremen gehört, seine Kooperation mit nationalen und internationalen Universitäten in der Migrationsforschung ausbauen. Das Museum, das ursprünglich hauptsächlich als Touristenattraktion für Bremerhaven gedacht war, hat sich inzwischen längst ein internationales Renommee als wichtige Forschungseinrichtung erworben. Mit dem bereits zum dritten Mal verliehenen Kalliope-Preis fördert die Stiftung Deutsches Auswandererhaus und das Museum zudem die internationale Migrationsforschung. Deren Ergebnisse will das Haus künftig verstärkt den Besuchern und der Öffentlichkeit vermitteln. Für Simone Eick ist dies ein wichtiger Beitrag zur Versachlichung der Migrationsdebatte.

Besuchern wird klar: Migration ist ein gesellschaftliches Thema
 
Spätestens wenn die Besucher nach dem Rundgang durchs Museum wieder in die babylonische Vielfalt des „Speisesaals“ einsteigen, dürfte ihnen klar werden, dass Migration über die persönlichen Geschichten hinaus ein gesellschaftliches Thema ist. „Als Museum wollen wir ein Ort sein, an dem die Besucher Lust bekommen, das Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland gemeinsam zu gestalten“, sagt Simone Eick.
 
Pressekontakt:
Ilka Seer, Pressesprecherin Deutsches Auswandererhaus, Telefon -49 (0) 471 902 20-204, presse@dah-bremerhaven.de.
 
Bildmaterial:
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

Foto 1: Anhand realer Familiengeschichten von Aus- und Einwanderern erfahren die Besucherinnen und Besuchern im Deutschen Auswandererhaus 300 Jahre deutscher Migrationsgeschichte. © Deutsches Auswandererhaus / Stefan Volk

Foto 2: Bremerhaven war zwischen 1830 und 1974 der bedeutendste Auswandererhafen des Kontinents. der Ausstellungsraum „An der Kaje“ zeigt eine Hafenszene des Jahres 1888. © Deutsches Auswandererhaus / Klaus-Frahm

Foto 3: Mit dem zweiten Bauabschnitt 2012 widmet sich das Deutsche Auswandererhaus auch 300 Jahre deutsche Einwanderungsgeschichte. © Deutsches Auswandererhaus / Constantin Heller

Foto 4: Dr. Simone Eick, Direktorin des Deutschen Auswandererhauses, möchte mit dem Museum einen Ort schaffen, an dem Sorgen und Hoffnungen ausdiskutiert werden können. © Deutsches Auswandererhaus / Stefan Volk
 
Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet bereits seit Juli 2008 monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen arbeitet ähnlich wie ein Korrespondentenbüro. Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autorenstücke, die von Journalisten für Journalisten geschrieben werden.

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