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Bremerhaven City von der Weser aus gesehen
Wirtschaftsförderung Bremerhaven

Luneplate wird Bremerhavener Stadtgebiet

11.01.2010

11.01.2010
Rede von Oberbürgermeister Jörg Schulz beim Festakt zur Gebietsübertragung der Luneplate an die Stadt Bremerhaven

Anrede,
am 11. Januar 1827 kaufte Bremens Bürgermeister Johann Smidt dem hannoverschen König Georg 87 Hektar nasses Brachland zur Gründung eines neuen Hafens am Eingang zur Nordsee ab - für bescheidene 73 658 Taler, 17 Groschen und einen Pfennig. Das war die Geburt unserer Stadt, bei der Johann Smidt einen Schnäppchenpreis ausgehandelt hatte, wenn man sich die Entwicklung Bremerhavens zur größten Stadt der Nordseeküste vor Augen führt.

Auf den Tag genau 183 Jahre später besiegeln die Freie Hansestadt Bremen und das Land Niedersachsen - also quasi der Rechtsnachfolger des einstigen Königreichs Hannover - mit dem heutigen Festakt erneut einen Staatsvertrag über einen Grundstückskauf, der am 1. Januar 2010 in Kraft getreten ist. Dieses Datum geht daher ebenso in die Geschichte unserer Stadt ein wie der 11. Januar 1827.

Doch so günstig wie damals waren die Weiden und Wiesen an der Wesermündung nicht mehr zu haben, und diesmal ging es auch um wesentlich mehr Land. Vor allem um genau 1473,23 Hektar auf der Großen Luneplate samt Deich und einem Teil der Weser. Eine etwas kleinere Rolle spielen vier Zipfel an der Grenze zwischen Bremerhaven und der Gemeinde Loxstedt. Dort wurden insgesamt sieben Loxstedter gegen drei Bremerhavener Flurstücke getauscht, sodass der unübersichtliche Flickenteppich an der südlichen Stadtgrenze Bremerhavens begradigt werden konnte.

Wenn man diese komplizierte, in mehr als fünf Jahren ausgehandelte Gebietsübertragung zusammenrechnet, dann wachsen das Land Bremen und die Stadt Bremerhaven um 1509,53 Hektar. Das sind 15 Quadratkilometer oder, um es auf eine fassbare Größe zu bringen, mehr als 1000 Fußballfelder. Diese Flächen wurden zum 1. Januar 2010 nicht nur in das Bremerhavener Stadtgebiet eingegliedert, sondern auch der Hoheit Bremerhavens unterstellt - mit allen positiven finanziellen Folgen für die Stadt, der künftig die Gewerbe- und Grundsteuern der Luneplate zufließen werden.

Für die Übertragung der Hoheit danke ich der Bremischen Bürgerschaft und dem Senat, vertreten durch Herrn Bürgerschaftspräsident Weber und Herrn Bürgermeister Böhrnsen, im Namen der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats recht herzlich.

Das Land Bremen gewinnt durch das hinzugewonnene Land nur unwesentlich, nämlich 3,73 Prozent, an Fläche hinzu. Die Stadt Bremerhaven jedoch ist zum Jahreswechsel von einer Stunde zur anderen um 19,13 Prozent, also fast um ein Fünftel, größer geworden. Deshalb kann man durchaus von einer zweiten oder sogar dritten Geburt der Seestadt sprechen, die im Laufe ihrer 183-jährigen Geschichte schon so oft ihre Grenzen und sogar ihren Namen geändert hat.

Was 1827 mit 87 Hektar begann, erweiterte sich durch Eingemeindungen, vor allem aber durch die Zusammenlegung mit Wesermünde auf rund 7900 Hektar. Nun wächst durch die Eingliederung der Luneplate etwas zusammen, was schon in der Vergangenheit zumindest in den Köpfen der Kommunalpolitiker irgendwie zusammengehörte. Die Luneplate, die in der großen Weihnachtsflut 1717 entstand und durch weitere Sturmfluten ausgeformt wurde, war zwar niemals Bremerhavener Territorium. Doch schon um 1880 sollte sie als Holzhafen für Bremerhaven und Geestemünde dienen. 1920 war sie als Erweiterungsgebiet für den Fischereihafen im Gespräch.

Und seit den 60er Jahren hatten die Wirtschaftsförderer und Industrieansiedler der Seestadt ganz konkret ein Auge auf die Luneplate geworfen. Viele von Ihnen werden sich daran erinnern, dass die Länder Bremen und Niedersachsen 1979 ein Verwaltungsabkommen für die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe abgeschlossen haben. In den 80er Jahren wurde die Luneplate sogar ganz offiziell als Teststrecke für den Daimler-Benz-Konzern angeboten, doch der gab dann bekanntlich dem Emsland bei Papenburg den Vorzug. Nachdem so viele Projekte gescheitert sind, ist es umso bemerkenswerter und erfreulicher, dass ein Teil der Luneplate nun doch noch für eine gewerbliche Nutzung in Frage kommt. Den Anstoß dafür gab der Ausbau des Container-Terminals, für den die Hafengesellschaft BremenPorts seit 2003 ökologische Ausgleichsgebiete schafft.

Im Norden, angrenzend an den Bereich Luneort, verbleiben rund 200 Hektar als Industrie- und Gewerbegebiet, das für Bremerhavens Entwicklung von unschätzbarer Bedeutung ist. Wir werden dort entschlossen die Zukunftschancen nutzen, die sich durch diese neue Fläche vor allem für den Jobmotor der Erneuerbaren Energien bieten. Der Ankauf der Grundstücke ist bereits in die Wege geleitet worden; als nächste Schritte folgen die Bauleitplanung und Erschließung. Zusammen mit dem für die Offshore-Windenergie notwendigen Schwerlast-Terminal, dessen Planung ebenfalls konkrete Formen annimmt, wird Bremerhaven für diese boomende Branche gerüstet sein. Bremerhaven setzt also große Erwartungen auf die Luneplate, doch das Wachstum soll und wird nicht zu Lasten der Nachbarn im niedersächsischen Umland gehen, allen voran der Landkreis Cuxhaven und die Gemeinde Loxstedt.

Sowohl der Kreis als auch die Kommune sind finanziell am Gebietsaustausch zwischen Niedersachsen und Bremen und dem Kaufpreis von rund zehn Millionen Euro beteiligt. Eine angemessene Summe, wenn man bedenkt, dass Loxstedt zehn Prozent seines Gemeindegebiets verliert. Letztlich gewinnt jedoch die gesamte Region, für deren Zukunft es entscheidend ist, dass der Strukturwandel im Oberzentrum Bremerhaven weiter so gut vorankommt. Immerhin werden 40 Prozent der Arbeitsplätze in der Seestadt von Beschäftigten besetzt, die täglich aus dem Landkreis Cuxhaven einpendeln. Deshalb ist es für die Stadt Bremerhaven eine Selbstverständlichkeit, bei der Entwicklung der Luneplate eng mit den Nachbarn zusammenzuarbeiten. Die Region gewinnt aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch.

Durch die Ausgleichsflächen für den Bau von CT IV ist ein kleines Naturparadies entstanden, das Sie am besten mit dem Fahrrad oder bei einem Spaziergang auf der rund sechs Kilometer langen Deichstrecke erkunden sollten. Große Bedeutung für Flora und Fauna hat vor allem der 220 Hektar große Tidepolder, der im Süden der Luneplate entsteht. Dadurch wird neuer Lebensraum für seltene Arten geschaffen, die dem Projekt CT IV weichen mussten. 290 Hektar Acker- und Weideland werden in hochwertiges Feuchtgrünland für Pflanzen, Brut- und Rastvögel umgewandelt. In der Nähe weiden übrigens auch die 15 Wasserbüffel von bremenports. Die Tiere erfreuen sich bereits einiger Berühmtheit, weil sie die Aufgabe haben, das Gras ihrer Weide das ganze Jahr über kurz zu halten und damit die Lebensbedingungen seltener Vogelarten zu verbessern. Diese urigen Landschaftspfleger der besonderen Art sind durch die Übertragung der Luneplate gewissermaßen zu Neu-Bremerhavenern geworden .

Für die Bevölkerungsentwicklung ist der Gebietsaustausch allerdings ein Nullsummenspiel. Da die Luneplate weitgehend unbesiedelt ist, gibt die Gemeinde Loxstedt nur drei Einwohner an die Stadt Bremerhaven ab. Diesem Verlust steht wiederum der Zugewinn an vier Einwohnern gegenüber, die in der Straße Zur Siedewurt wohnen - einem Zipfel an der Bremerhavener Stadtgrenze, der nunmehr zu Loxstedt gehört. Wie bereits erwähnt, wurden drei Loxstedter Einwohner zum Jahreswechsel Bremerhavener Bürger.

Zwei von ihnen sind bei diesem Festakt dabei; es handelt sich um Ute und Peter Golasowski, die Pächter der „Alten Luneschleuse", die ich recht herzlich als Bremerhavener Neubürger begrüße. Dass ihr Restaurant nicht irgendeines ist, sondern wegen seiner guten Küche weit über den Nordwesten hinaus einen hervorragenden Ruf genießt, stellte vor zweieinhalb Jahren kein Geringerer als Deutschlands Gourmet-Papst Wolfram Siebeck in seiner wöchentlichen Kolumne im „Zeit-Magazin" fest. Dort rühmte er die „Alte Luneschleuse" für ihre Gerichte, die „unheimlich frisch und sorgfältig zubereitet" seien. Und er schrieb weiter: „Weil das so selten und die einsame Lage an der alten Schleuse so wildromantisch ist, kann ich den Umweg über Bremerhaven nur empfehlen." Genau genommen hätte Siebeck damals von einem Umweg über Loxstedt schreiben müssen. Doch seit dem 1. Januar gehören die „Alte Luneschleuse" und das Pächter-Ehepaar Golasowski nun auch ganz offiziell zu Bremerhaven. Ich freue mich daher, die beiden jetzt als Neubürger mit einem Luftbild ihres Restaurants und der Luneplate willkommen zu heißen. 

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