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Reparieren, aufwerten, neu machen – wie ein Sozialunternehmen die Kreislaufwirtschaft ankurbelt

Schraubstock, Nadel und Faden, 3D-Drucker oder Kamera – auf 5 Stockwerken, mit einer Idee dahinter: Selbst machen, verbessern, instand halten statt kaufen und wegwerfen. In der Bürgermeister-Smidt-Str. 218 in Bremerhaven entsteht durch Zircula e.V. eine DIY-Community, die erfolgreich auf Kreislaufwirtschaft setzt.

05.12.2025
Autor: Andreas Schack

Ausgezeichnet wurde Zircula für seine Arbeit an der Schnittstelle von Kreislaufwirtschaft, Bildung und offener Werkstattkultur – angesiedelt im Haus WERK in der Alten Bürger in Bremerhaven. „Wir zeigen, wie aus vorhandenen Ressourcen wieder nutzbare Dinge werden. Und wie Menschen Dinge wieder selbst in die Hand nehmen können“, erklärt Jonas Hummel, Initiator und Vorsitzender des Vereins. Zircula versteht sich dabei als „Praxisforschungszentrum für soziale Innovation“: ein Ort, an dem Reparieren, Upcyceln und Ausprobieren wichtiger sind als Konsum.

Entstanden ist Zircula 2021 im Umfeld des Hauses WERK. Das Gebäude in Bremerhaven wurde nach einer bewegten Vorgeschichte – Besetzung, Zwischenkauf durch einen Investor, Rückübertragung an die Stadt – in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung BIS und einer eigens gegründeten GmbH gesichert und Schritt für Schritt geöffnet.

„Unser Grundprinzip ist Hilfe zur Selbsthilfe“, erläutert Mareike Hantschel, Vorstandsmitglied und verantwortlich für Bildungsarbeit, Workshops sowie die Druck- und Textilwerkstatt. „Wir vermitteln Know-how und sorgen dafür, dass Menschen wieder selbst handwerklich handlungsfähig werden.“

Beim Rundgang durchs WERK reiht sich ein Gewerk ans andere

Im ersten Stock des Hauses riecht es nach Holzstaub und Metall. Hier arbeitet auch Timo Hecken, ebenfalls Vorstandsmitglied mit Schwerpunkt offene Werkstätten und Upcycling-Projekte. Zwischen den Werkbänken der Holzwerkstatt liegen Bretter, Schrauben und alte Möbelteile – Rohstoffe für neue Ideen. „Hier landet alles, was andere wegwerfen“, sagt er und zeigt auf eine Platte aus Bühnenholz vom Theater. „Wir bauen daraus wieder Möbel oder Transportkisten – robust, langlebig und oft schöner als vorher.“

Ein paar Schritte weiter summt es aus der Metallwerkstatt: Schweißplatz, Bohrstände, eine CNC-Fräse im Aufbau. Wer die Maschinen nutzt, macht vorher eine Einweisung. „Mittwochs ist offener Werkstatttag, da kommen Studierende, Nachbarn, Leute, die einfach was ausprobieren wollen“, erzählt Hecken.

Im Nebenraum klackert die Nähmaschine, Fäden in allen Farben hängen von der Wand. Mareike Hantschel leitet die Textilwerkstatt. „Fast Fashion ist ein Riesenproblem“, erzählt sie. „Aber wenn man sieht, wie leicht sich Kleidung reparieren oder umarbeiten lässt, entsteht Stolz statt Frust. Hier werden alte Jeans zu Taschen und zerschlissene Hemden zu neuen Kissenbezügen.“
Ein Stockwerk höher riecht es nach Farbe und Siebdruckpaste. In der Druckwerkstatt liegen Plakate, Notizblöcke und Jutebeutel aus Spendenbeständen. „Wir bedrucken, was da ist, keine Neuware“, sagt Hantschel. „Manche Organisationen nutzen das, um eigene Projekte umzusetzen, andere verkaufen ihre Sachen später auf Märkten. Wir geben den Raum.“

Ganz hinten in einem kleineren Raum läuft ein 3D-Drucker, daneben stapeln sich Kabel, Akkus, kleine Solarpaneele. Hier ist das Digital-Lab. Es geht um Elektrotechnik, Film und Energie – von kleinen Lötübungen bis zum DIY-Balkonkraftwerk. „Wir wollen zeigen, dass Technik kein Expertenthema sein muss“, sagt Jonas Hummel. „Es geht ums Selber-Können, nicht ums Kaufen.“
Auf dem Hof schließlich das jüngste Projekt: eine Plastikwerkstatt, entstanden in Kooperation mit „Precious Plastic Bremen“. Hier werden Kunststoffreste sortiert, geschreddert und wieder in Form gebracht – zu Platten oder neuen Alltagsobjekten. „Was wir hier machen, ist angewandte Kreislaufwirtschaft im Kleinen“, sagt Hummel. „Aber sie lässt sich auf die ganze Stadt übertragen.“

Kreislaufwirtschaft als Alltagspraxis etablieren – der Anspruch von Zircula

Zircula adressiert laut Hummel drei Ebenen gleichzeitig: Ressourcen, Kompetenzen und Gemeinschaft. „Viele Städte diskutieren den Umgang mit Ressourcen. Wir testen ganz konkret, was lokal zirkulieren kann“, erklärt er. Hummel und seine Mitstreiter sind im Gespräch mit der Stadt Bremerhaven, etwa zur Kreislaufwirtschaft im Bausektor oder zur Machbarkeit eines Materialmarktplatzes. Parallel entstehen prototypische Produkte aus Altmaterial. Nicht als Massenware, sondern als Beweis, dass es funktioniert.
Hantschel bringt den nötigen Mindset-Wechsel auf den Punkt: „Wir wollen Orte attraktiv machen, an denen Suffizienz erlebbar wird. Weniger kaufen, mehr können.“ Das wirke auch bildungspolitisch: „Keine Angst vor Technik, sondern ausprobieren. Lernen heißt, den Weg selbst finden. Wir geben den Rahmen.“

Warum das Sozialunternehmertum perfekt zu Zirkula passt

Warum ein Verein und keine gGmbH? „Die Vereinsform ist niedrigschwellig und beteiligungsstark“, sagt Hummel. „Große Anschaffungen oder Raumveränderungen stimmen wir mit den Mitgliedern ab. Das passt zu unserem Partizipationsanspruch.“ Perspektivisch sei aber ein hybrides Modell denkbar, etwa eine kleine Gesellschaft für Produktverkauf oder Werkstattdienstleistungen.
Finanziell steht der Verein auf mehreren Säulen: Fördermittel, Mitgliedsbeiträge, Spenden und Projektaufträge. Upcycling-Objekte werden meist gegen Spende abgegeben. „Wirtschaftlich denken wir sehr wohl“, so Hummel, „aber nicht wachstumsgetrieben. Unser Fokus ist Wirkung und Stabilität. Wir wollen Rücklagen aufbauen und Personal verlässlich finanzieren.“ Kundinnen und Kunden im engeren Sinn seien oft Institutionen, die Bildungs- und Beteiligungsarbeit beauftragen.

Intern setzt Zircula auf projektorientierte Strukturen, klare Verantwortlichkeiten und regelmäßige Abstimmungen: „Modernes Projektmanagement, ohne den Gemeinwohlkern zu verlieren“. Das Team diskutiert derzeit Mitgliedsmodelle für Raum- und Maschinennutzung. „Vorbild ist die solidarische Landwirtschaft“, erklärt Hecken. „Eine Community trägt die Grundfinanzierung, damit Gemeinwohlangebote dauerhaft funktionieren.“

Bremer Sozialunternehmenspreises 2025 gewonnen

Mit ihrem Engagement überzeugten sie auch die Jury des Bremer Sozialunternehmenspreises 2025 und gewannen den ersten Platz. Die Auszeichnung prämiert herausragendes Engagement für das soziale Unternehmentum in Bremen und wurde 2025 zum zweiten Mal von der WFB verliehen. Und was passiert mit den 10.000 Euro Preisgeld? „Wir investieren in Sichtbarkeit. In Formate, die unsere Arbeit erklären, und stärkere Öffentlichkeitsarbeit“, sagt Hummel. Im Gespräch ist außerdem eine kleine Residency: „Ein Stipendium für Menschen, die hier mit zirkulären Materialien experimentieren. Das bringt frische Ideen ins Haus und inspiriert andere.“

So übersetzt Zircula die Idee der Kreislaufwirtschaft in konkrete Praxis – mit Schraubstock, Nadel, Risograf und Kamera. Und der Preis würdigt nicht nur gelungene Projekte, sondern ein übertragbares Modell: Materialien im Kreis führen, Menschen befähigen, Stadtgesellschaft verbinden. Oder, wie Mareike Hantschel sagt: „Gemeinsam können statt allein kaufen.“
Zircula e. V.

In den offenen WERKstätten der Zircula:Labs wird gemeinsam gebaut, programmiert, geteilt, repariert und weitergedacht. Ressourcen werden geschont, Materialien wiederverwendet – ganz im Sinne einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Mit der Klimabotschaft stärkt Zircula zudem das Engagement für eine lebenswerte Zukunft – durch Beteiligung, Bildung und persönliche Perspektiven.

 

Bildmaterial

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WERK.
Ein Ort, an dem Kultur lebendig wird, an dem kreative Ideen wachsen und Menschen zusammenkommen. Workshops, Konzerte, Lesungen, Partys, Talks – hier pulsiert das Miteinander. Zu Hause in der Alten Bürger, Bremerhavens Szenemeile, ist das WERK ein Treffpunkt für alle, die Lust auf Austausch, Inspiration und Gemeinschaft haben.

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