17.02.2026
Autor: Annika Poblocki
Dieser Beitrag von Annika Poblocki wurde erstmalig im polis Magazin für Urban Development veröffentlicht
Kooperativ statt konfrontativ – Abschluss eines herausragenden Projektes
Zwei große Bewegungshallen, eine Gemeinschaftsküche, ein Werkraum zum Hämmern, Schnitzen, Malen und Raspeln – die Werkstätten und Lernlandschaften der Neuen Oberschule Lehe (NOL) schaffen räumliche Bedingungen für Schüler:innen und Lehrende, um innovative pädagogische Lernkonzept gemeinsam umzusetzen. Die teilgebundene Ganztagsschule in einem der prekärsten Stadtteile Deutschlands ist eine von drei Schulbauten, die im Rahmen des ersten IPAProjektes im öffentlichen Hochbau entstanden sind. Die Allianz 3 Schulen Bremerhaven hat außerdem den Neubau der Neuen Grundschule Lehe (NGL), das Schulzentrum an der Hamburger Straße (SHS) sowie zwei Sporthallen gemeinsam geplant und umgesetzt. Mit den polisKEYNOTES in Bremerhaven haben wir am 03. Februar 2026 mit den Partner:innen der IPA-Allianz und rund 100 Gäst:innen den Projektabschluss gefeiert – mit Führungen, Vorträgen, Diskussionen und einem Get-together in der Neuen Oberschule Lehe.
Dabei bot auch uns das Foyer der Oberschule den optimalen Raum zur Entfaltung für unsere polisKEYNOTES – auf einer integrierten Bühne und dem Catering direkt aus der Schulküche. Der Abend unter dem Titel „Kooperativ statt konfrontativ – Ein Schulbauprojekt als Impuls für eine neue Baukultur“ startete mit Führungen durch das Gebäude. Diese übernahmen die Lehrkräfte selbst und gaben den Gäst:innen aus Hannover, Bremen und der Bremerhaven und der Umgebung Bremerhavens dadurch authentische Einblicke in ihren innovativen Arbeitsort im Bremerhavener Stadtteil Lehe.
Wie wollen wir planen, bauen und zusammenarbeiten? – Eröffnung der polisKEYNOTES
Die Vorträge eröffnete der Schulstadtrat Prof. Dr. Hauke Hilz. Er betonte, dass die Räume der drei Schulen die herausragende Arbeit von Kollegium und Schulleitung förderen und dringend benötigten Entfaltungsraum für die Schüler:innen bereitstellen. Anschließend begrüßte die Moderatorin Rieke-Marie Wilken die Gäst:innen – vor Ort und in der Live-Übertragung in der polisAKADEMIE. Sie führte in die Themen des Abends ein: „Es geht heute nicht nur um drei neue Schulgebäude – sondern um die Frage, wie wir künftig planen, bauen und zusammenarbeiten, wenn Komplexität steigt, Fachkräfte fehlen und gleichzeitig Zeit, Kosten und Qualität unter Druck stehen.“ Die Allianz 3 Schulen Bremerhaven setzt auf die Methodik der Integrierten Projektabwicklung (IPA) – eine Organisationsform, die nicht nur Prozesse beschleunigt, sondern vor allem die Haltung im Projekt verändert. Neben der Einhaltung der Kosten- und Terminrahmen, hinterlässt die Allianz mehr als 300 begeisterte Projektbeteiligte bei der STÄWOG-Gruppe, bei der BIS Wirtschaftsförderung, bei den fünf weiteren Projektpartner:innen sowie beim Schulamt Bremerhaven und den Schulen.
Fünf Perspektiven – Von der Planung zum Betrieb
Dass diese Form des gemeinsamen Arbeitens Verbindlichkeit braucht, machte Kai Hamel, Projektmanager bei der STÄWOG Bremerhaven deutlich: Ein IPA-Projekt sei „wie ein Schiff – man kann nicht mitten auf der Fahrt einfach aussteigen.“ Genau diese Haltung habe Rollen und Verantwortlichkeiten im Projekt geprägt und verändert. Dieses „Unternehmen auf Zeit“ arbeitete in der gesamten Projektphase – vom Beginn der Planungsphase Anfang 2022 über den Beginn der Bauarbeiten im Frühjahr 2023 bis zur Schlüsselübergabe pünktlich zum neuen Schuljahr 2025/26 – in einer gemeinsamen Co-Location eng zusammen. Sein Fazit: „Wer Fehler zugibt, kann nur daraus lernen – gemeinsam.“ Für Anna Bade, Consultant IPA und Lean bei lumico, bedeutet die Zusammenarbeit in einer IPA ganz konkret, dass „Planer:innen und Architekt:innen durch die Projektstruktur wieder befähigt werden, im Projektmanagement mitzuwirken.“ Durch Anreizsysteme – wie Vergütung auf Basis erstattbarer Kosten, gemeinsame Verantwortung und Risikotragung, integrale Teams und Transparenz, kollaborative Anwendungen von Lean und BIM sowie konsequente Organisationsstrukturen – teilen sich alle IPA-Beteiligten die Risiken gemeinsam. Die Grundsätze „best for the job“ und „best for the project“ unterstützen bei der Bildung von Fachteams bzw. Aufgabenteams, die sich aus Mitarbeitenden der beteiligten Unternehmen usammensetzen. Dazu gehören die PITs als Wissensträger in ihren Bereichen, die PMTs durch moderierende Führung als Hüter der Ziele, Kulturgestalter und Vorbilder für Kommunikation und die SMTs als Geschäftsführende und Unterstützende. Sie resümierte: „Ich bin sehr beeindruckt von dieser Zuversicht und Veränderung die sich ergibt durch IPA und Struktur.“
Dominika Gnatowicz, Director bei gmp, hob als Besonderheit hervor, dass der IPA-Vertrag neben ökononischen Leistungen auch Kultur regelt: „Der Fokus liegt bewusst auf der Zusammenarbeit – von der Wahl der Partner:innen über die Vorbereitung bis hin zu Assessments mit Unterstützung von Psycholog:innen – auch mit Blick auf mentale Gesundheit.“ Diese Arbeitsweise sei auch durch den Mehrparteienvertrag gewährleistet: Anstatt bilateraler Verträge unterschreiben alle Projektbeteiligten denselben Vertrag, der neben rechtlichen Aspekten gemeinsame Ziele beinhaltet und die Kultur der Zusammenarbeit regelt. Als Architektin lag eine Herausforderung darin, unter hohem Zeitdruck in einer sehr frühen Projektphase Entwürfe zu liefern – und zwar unter Einbeziehung der Partner:innen. Dazu entwickelten die Architekt:innen ein System mit Bewertungsmatrix in unterschiedlichen Kategorien, welches dabei unterstützte, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.
Gnatowicz resümiert: „Konflikte sind unvermeidbar, aber sie sind immer inhaltlicher Natur – based on project. Dadurch gelingt das Zurückbesinnen auf die tatsächliche Baukultur.“
Wie sehr sich diese Kultur im Alltag auszahlt, zeigteHauke Uphoff-Bartelds (Niederlassungsleiter Bremen bei AUG. PRIEN Bauunternehmung): „Behinderungen anzuzeigen, kann man sich sparen – das trifft einen am Ende ja selbst. Wir tragen schließlich gemeinsam die Verantwortung für jede Entscheidung.“ Anstelle von Problemen, Diskussionen und Anwälten standen das Projekt und eine stabile Basis für partnerschaftliche Zusammenarbeit im Vordergrund. Dadurch, dass die Ausführenden bereits in die Entwurfsplanung eingebunden waren, konnten sie ihre Impulse und Hinweise von Beginn an platzieren, anstatt im Nachhinein auf ein unvollständiges Leistungsverzeichnis zu stoßen, dessen Anforderungen nicht umgesetzt werden konnten. Mit Themen wie „Insolvenzen, Kapazitätsproblemen und Schlechtwetter mussten sich die Bauherr:innen auch in diesem Projekt auseinandersetzen. Der Unterschied war jedoch, dass sich jeder für die Probleme der anderen interessieren musste, da alle im selben Boot saßen.” Auch aus Betreibendensicht wurde klar, wie wichtig frühes und gemeinsames Arbeiten ist.
Gebäudetechniker der STÄWOG Alexander Kebernik unterstrich, durch die frühe Einbindung in das Projekt das Gebäude im Detail zu kennen: „Wir wissen, wo Technik verbaut ist und wie Leitungen verlaufen, und haben alles digital festgehalten – mit dem Ziel, Gebäude so effizient und so lange wie möglich zu erhalten“. Er und sein Team haben die Baustellen früh betreten und bei Begehungen darauf hingewiesen, was aus ihrer Sicht nicht stimmig war. Dabei sah Kebernik sich nicht auf Seite der Bauherr:innen, sondern als Teil eines Teams mit den Ausführenden: Anstatt Mängel ufzuzeigen, ging es um die Leistungsabnahme für die spätere Bewirtschaftung: „Eine optimale Vorbereitung, um das Gebäude operativ zu betreiben – so effizient und lange wie möglich.“
"Einfach machen“ – Allianz 3 Schulen als Vorbild und Neuanfang
Und was passiert, wenn alles zusammenkommt? An der anschließenden, durch Rieke-Marie Wilken moderierten Podiumsdiskussion nahmen neben Dominika Gnatowicz auch die Geschäftsführer der BIS Bremerhaven und der STÄWOG – Nils Schnorrenberger und Sieghard Lückehe – teil, die das Projekt aus ihrer Perspektive rekapitulierten. Sieghard Lückehe betonte seine Dankbarkeit für den Mut seines Kollegen Schnorrenberger, diesen innovativen Weg gemeinsam zu gehen. Er ergänzte: „Wir hatten ein tolles Team und Unterstützer:innen – auch mit lumico, die uns die Strukturen vorgegeben haben. Als Ergebnis haben wir fast 2000 neue Mieter:innen bekommen – Schüler:innen und Lehrer:innen.“ Für Nils Schnorrenberger war der Abschied innerhalb der Allianz emotional. Er betonte: „Auf der ganzen Welt sieht es ja nicht sehr kooperativ aus, aber vielleicht können wir durch Verträge neue Arten der Kooperation fördern – über unsere Branche hinaus.“ Dominika Gnatowicz wünschte sich noch mehr Mut zum kollaborativen Arbeiten. Das größte Argument für diese Art der Zusammenarbeit seien viele Kolleg:innen, die nach dieser Erfahrung gerne nur noch in IPA-Projekten mitwirken würden – „auch aus Gründen der mentalen Gesundheit.“ Sieghard Lückehe wandte sich abschließend an die interessierten Anwesenden aus weiten Teilen Deutschlands, die sich vor Ort und im Livestream vom Projekt inspirieren ließen: „Ich würde jedem empfehlen: Einfach machen!“
Kurzum: Die Initiative Allianz 3 Schulen ist ein Vorbild und ein Neuanfang – kooperativ statt konfrontativ. Danke an alle Gäst:innen, Speaker:innen und das Orga-Team.
Alle Aufnahmen sind des Abends sind auf unserem YouTube Kanal als Aufzeichnung verfügbar: https://www.youtube.com/@bis_bremerhaven/