19.01.2026
Autor: BIS Wirtschaftsförderung Bremerhaven
Vom Kitesegel zur Industrie
Eigentlich wollte Ansgar Pahl die Sport- und Freizeitbranche für sich erobern. Nach seiner Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann eröffnete er in Wremen eine Kiteschule. Dort nähte er seine Segel so lange selbst, bis er einen Konfektionsbetrieb fand, der ihn entlasten sollte.
„Ich kam, um Kites zu produzieren, geblieben bin ich wegen des einmaligen Angebots“, sagt er heute lachend. Denn 2023 bot sich ihm überraschend die Chance, den Filterbetrieb in Bremerhaven zu übernehmen. Eine Entscheidung, die er jung, mutig und ohne klassische Branchenlaufbahn traf und damit sein Leben in eine völlig neue Richtung lenkte. Statt Segel für Freizeitkunden fertigt er nun Filtertücher als Ersatzteile für industrielle Kammerfilterpressen für Unternehmen wie Mercedes oder ArcelorMittal.
Digitalisierung aus eigener Hand
Bei der Übernahme fand Pahl ein Unternehmen im Fischereihafen mit jahrzehntelanger Geschichte und einer Arbeitsweise, die noch stark von Papier geprägt war. Wissen lag in Ordnern und in den Köpfen einzelner Mitarbeitenden. „Das war die größte Herausforderung. Alles war vorhanden, aber nichts digital greifbar“, erinnert er sich.
Gemeinsam mit seinem Freund Finn Pohle entwickelte er daraufhin ein eigenes Warenwirtschaftssystem. Statt teure Standardsoftware zu kaufen, entstand eine Lösung, die exakt auf die Abläufe im Betrieb zugeschnitten ist: vom Lager über den Materialverbrauch bis zur Produktionsplanung. „Wir wollten keine Software, die uns aufhält. Also haben wir sie selbst gebaut“, so Pahl. Pohle ergänzt: „Wir sind keine ausgebildeten IT-Profis. Wir haben uns das Wissen einfach beigebracht, weil es nötig war.“
Heute können die Mitarbeitenden jederzeit abrufen, welche Rollen Gewebe verfügbar sind und wie viel Restmaterial nach einem Auftrag bleibt. Das sorgt für Transparenz und ermöglicht kurze Reaktionszeiten. Künftig soll das System weiter ausgebaut werden mit automatisierten Schnittmustern, Echtzeitkalkulationen und Schnittstellen zu Lieferanten. Damit wird nicht nur die Arbeit effizienter, sondern auch Wissen langfristig gesichert.
Maßarbeit für die Industrie
Pahl Filter konfektioniert technische Gewebe für die Flüssigkeitsfiltration, spezialisiert auf Filtertücher für Kammerfilterpressen, die in vielen Industriebereichen eine zentrale Rolle spielen. Ein unsichtbarer, aber entscheidender Prozess. Ob Bier, Lack oder aggressive Säuren: Alle Anlagen haben eigene Anforderungen.
„Das ist keine Massenware. Jede Bestellung ist anders“, erklärt Pahl. „Wir haben 200 verschiedene Gewebe im Lager. Wenn ein Filter reißt, muss es schnell gehen. Deshalb liefern wir in zwei Wochen, schneller als die meisten Mitbewerber.“
Mehr als 10.000 unterschiedliche Anlagen sind mittlerweile im System hinterlegt. Jeder Auftrag wird individuell gefertigt, von Durchmesser und Länge bis zu den Befestigungslösungen. Um diese Schnelligkeit und Zuverlässigkeit bieten zu können, setzt das Unternehmen konsequent auf digitale Prozesse sowohl in der Lagerhaltung, der Warenwirtschaft oder bei der Zeiterfassung einzelner Arbeitsschritte. Nur so lassen sich Materialien rechtzeitig bereitstellen, Produktionszeiten exakt kalkulieren und Abläufe effizient organisieren.
Für die kommenden Jahre hat Pahl klare Schwerpunkte gesetzt:
Effizienz steigern – Investitionen in Maschinen, die zeitintensive Arbeitsschritte wie Ösenzuführungen oder Klettzuschnitte automatisieren.
Software weiterentwickeln – Ausbau der Eigenlösung mit zusätzlichen Funktionen wie digital hinterlegten Produktionsmustern, automatisierten Lagerbuchungen und Schnittstellen zu Lieferanten.
Attraktivität als Arbeitgebender steigern – Moderne Prozesse und transparente Strukturen sollen den Betrieb auch für junge Fachkräfte interessant machen. „Niemand möchte heute noch mit Papierbergen arbeiten.“
Pahl sieht darin nicht nur eine Investition in die Zukunft seines Unternehmens, sondern auch eine Haltung: Entscheidungen nicht endlos verschieben, sondern ausprobieren, anpassen, verbessern. „Man weiß vorher eh nicht, was passiert. Also einfach loslegen.“
So ist aus einem Konfektionsbetrieb mit Papierarchiv ein Unternehmen geworden, das auf digitale Prozesse setzt und weiter wachsen will – getragen von Mut, Pragmatismus und der Erfahrung, dass Unternehmertum immer bedeutet, auch Rückschläge auszuhalten.
Mehr über Pahl Filter erfahren Sier hier.