24.02.2026
AutorIn: Insa Lohmann
Es war einer dieser besonderen Momente, der Alexandra Pischyna wohl für immer im Gedächtnis bleiben wird. Mit einer Gruppe internationaler Taucherinnen und Taucher war sie im Juli 2025 vor der britischen Küste auf der Suche nach dem Wrack der im Ersten Weltkrieg versenkten „HMS Nottingham“. Monatelange Recherchen in Archiven lagen hinter dem Team, mit deren Hilfe das Seegebiet des Wracks eingegrenzt werden sollte. Als sie das Schiff schließlich entdeckten, war nicht klar, ob es sich um das gesuchte Wrack handelt. „Wir wussten nicht, was uns da unten erwartet“, berichtet Pischyna.
Letzter unentdeckter leichter Kreuzer der Royal Navy
Beim Tauchgang sollte die Bremerhavenerin zusammen mit einem Teammitglied die Kanonen zählen, vermessen und dokumentieren. „Wir sind dann nochmal ans Heck getaucht, da stand auf einmal in bronzenen Lettern: Nottingham. Das war eine große Überraschung, ein wahnsinnig emotionaler Moment für mich.“ Die „HMS Nottingham“ galt als der letzte unentdeckte leichte Kreuzer der Royal Navy. Das Schiff war in viele bekannte Seeschlachten wie die Skagerrakschlacht bei Jütland involviert, bis es vor mehr als 100 Jahren von einem deutschen U-Boot zum Untergang gebracht wurde.
Dreieinhalb Stunden unter Wasser
Mehr als 25 Jahre hatten Taucherinnen und Taucher versucht, die Überreste des 1913 in den Dienst gegangenen Schiffes zu finden. Wracks aufzuspüren ist eine große Herausforderung: Um zu der richtigen Stelle zu gelangen, muss das Team oftmals weit mit dem Boot rausfahren. So lag die „HMS Nottingham“ 70 Meilen (fast 130 Kilometer) vom Ufer entfernt. „Das Wetter muss stimmen“, erklärt Pischyna. „Wellengang und die Gezeiten, alles muss geplant werden.“ Für diesen Tauchgang fuhr die Gruppe nachts um halb drei los, um früh morgens an der berechneten Stelle zu sein. Die Sportlerinnen und Sportler müssen sich in extreme Tiefen begeben und stundenlang unter Wasser bleiben. Hinzu kommen häufig schlechte Sichtverhältnisse. Dreieinhalb Stunden dauerte der Tauchgang der Expedition „Project Xplore“.
Fasziniert von Büchern über Seeschlachten
Alexandra Pischyna schreckt all das nicht ab. „Wracktauchen ist meine große Leidenschaft“, sagt sie. Schon als Kind sei sie fasziniert von Büchern über Seeschlachten gewesen. Heute taucht sie nach den Wracks, über die sie früher gelesen hat. Unter Wasser sucht sie nach Stille. Und nach der Geschichte, die hinter jedem Objekt steckt. Es sei dieser Moment, in dem man das Schiff unter Wasser entdeckt: „Wenn man abtaucht und die Spuren dieser Geschichte tatsächlich mit eigenen Augen sieht, wie etwa die Einschläge von Torpedos oder andere Beschädigungen, wird Geschichte auf eine ganz besondere Weise für mich wahr in diesem Moment.“ Mit der Entdeckung der „HMS Nottingham“ sei für sie ein langgehegter Traum in Erfüllung gegangen. Und auf ihrer Wunschliste steht schon ein weiteres Wrack: die „Britannic“, das Schwesterschiff der „Titanic“ – versunken in 120 Meter Tiefe und für Fachleute eine Art „Mount Everest des Wracktauchens“. „Früher kannte ich das Wrack nur aus Büchern und Dokumentationen“, sagt Pischyna. „Seit ich tauche, arbeite ich daraufhin, dort einmal tauchen zu können.“
„Mental und körperlich extrem fordernd“
Um dahin zu kommen, sei viel Training, Routine und Erfahrung nötig. In extremer Tiefe unterliegen jeder Atemzug und jede Bewegung der Präzision, jeder Tauchgang ist für die Bremerhavenerin eine Balance zwischen Ruhe und Kontrolle. Für Pischyna liegen die Herausforderungen vor allem darin, den Boden nicht aufzuwirbeln, für längere Zeit auf der Stelle bleiben zu können und gleichzeitig die zum Teil schweren Geräte zu bedienen – bis zu 70 Kilogramm trägt sie beim technischen Tauchen auf dem Rücken. Zudem dauert bei Tauchgängen in großer Tiefe die Dekompression, also die kontrollierte Druckentlastung beim Auftauchen, wesentlich länger als beim üblichen Sporttauchen – teilweise bis zu viereinhalb Stunden. „Das ist mental und körperlich extrem fordernd“, sagt die Bremerhavenerin.
Im Malediven-Urlaub fing alles an
Dunkle Höhlen, geflutete Bergwerke, Rochen, die über sie hinwegschwimmen oder Schiffe mit einer langen Historie: Unter Wasser findet Pischyna lebendige Geschichte. Geboren und aufgewachsen ist sie in Bremerhaven, die Faszination für Wasser und Schiffe begleitet sie seit Kindheitstagen. „Ich war schon immer eine Wasserratte“, sagt sie. Zum Tauchen ist sie dennoch eher zufällig gekommen.
Als Ausgleich zu ihrem anspruchsvollen Job als leitende Radiologie-Technologin in einer Klinik, flog sie 2019 auf die Malediven. Sie wollte abschalten, einfach mal nicht erreichbar sein. Im All-Inclusive-Urlaub nahm sie an einem Schnuppertauchkurs teil: „Ab da war es um mich geschehen, ich hatte glitzernde Augen danach“, erinnert sich die 37-Jährige. In den neun Urlaubstagen unternahm sie elf Tauchgänge. „Aber ich war weniger fasziniert von der bunten Fischwelt, sondern vom Tauchen an sich.“ Schon auf den Malediven entdeckte sie ein Wrack. „Da wusste ich gleich: Da will ich hin“, sagt Pischyna. Als Anfängerin durfte sie jedoch noch nicht so tief nach unten.
Ausbildung zur technischen Taucherin
Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland nahm Alexandra Pischynas neues Hobby schnell Fahrt auf: Innerhalb eines Jahres unternahm sie 100 Tauchgänge, ließ sich schließlich zur technischen Taucherin ausbilden. Im Gegensatz zum Sporttauchen setzen technische Taucherinnen auf Mischgase, um größere Tiefen zu erreichen – je tiefer, desto mehr Helium kommt zum Einsatz. Um ihre Prüfung zu bestehen, durchlief sie eine harte Schule. „Ich musste sehr viel an mir arbeiten“, erinnert sie sich. Erfahrung spiele eine große Rolle. Und sie wollte lernen: „Ich verabredete mich mit wildfremden Menschen zum Tauchen“, berichtet sie. „Als ich die Prüfung schließlich bestanden hatte, war das ein großer Schlüsselmoment für mich.“
Das ganze Leben ist aufs Tauchen ausgerichtet
Für ihre Leidenschaft hat Alexandra Pischyna ihren gesamten Alltag umgekrempelt, die Zeit für Freundschaftspflege und Familie ist rar geworden. „Ich lebe für das Tauchen“, sagt sie. Neben ihrem Hauptjob hat sie weitere Nebenjobs, um das kostspielige Hobby zu finanzieren. Zudem stemmt sie mehrmals die Woche Gewichte im Fitnessstudio, um körperlich fit zu bleiben. Jede freie Minute, jeden Urlaubstag investiert die Bremerhavenerin in ihre Passion. Nicht immer sucht sie dabei die Extreme, ihr Lieblings-Tauchspot liegt ganz in der Nähe: im Kreidesee im niedersächsischen Hemmoor. „Einfach ins Wasser hüpfen, das ist für mich Entspannung pur nach einem anstrengenden Arbeitstag.“
Auf der Suche nach Geisternetzen
Regelmäßig ist sie außerdem mit der Organisation „Ghost Diving“ unterwegs. Mit einer Gruppe von ehrenamtlichen technischen Tauchenden sucht sie unter Wasser nach herrenlosen Fischernetzen. Für Fische, Krebse, Vögel, Robben und andere Tiere werden die verlorengegangenen Netze zur tödlichen Falle. Immer dann, wenn es die Zeit und die Tide erlaubt, versucht sie, die Geisternetze zu bergen. „Es ist zwar ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber eine Herzensangelegenheit“, sagt Alexandra Pischyna. „Ich möchte damit etwas zurückgeben für die vielen tollen Momente, die ich im Wasser erleben durfte.“ Künftig sollen auch von Bremerhaven aus Touren möglich sein, bei denen Ehrenamtliche auf die Suche nach Geisternetzen gehen.
Pressekontakt:
Alexandra Pischyna, E-Mail: Alexandra.Pischyna@gmx.de
Bildmaterial:
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.
Foto 1: Tauchen ist Alexandra Pischynas Leidenschaft. © WFB/Jens Lehmkühler
Foto 2: Alexandra Pischyna taucht im ehemaligen Schieferbergwerk Felicitas im Sauerland. © Julian Mühlinghaus
Foto 3: Tauchen ist für Pischyna ein Ausgleich zu ihrem anspruchsvollen Job. © WFB/Jens Lehmkühler
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