27.04.2026
AutorIn: Wolfgang Heumer
Bildungsgerechtigkeit ist für Dr. Joachim Wolff schon immer ein wichtiges Thema gewesen. „Alle Menschen sind verschieden“, sagt der langjährige Bremerhavener Schulleiter, „wir müssen daher Schulen entwickeln, in denen jeder Schülerin und jedem Schüler der Raum gegeben wird, die persönlich nächste Herausforderung mit Zuversicht zu meistern.“ Beherzigt hat er diese Überzeugung auch an seiner alten Wirkungsstätte, der Paula-Modersohn-Schule in Bremerhaven-Wulsdorf. Die „Paula“ baute er nicht nur als inklusive Oberschule mit auf. Der heute 67-Jährige hat sie gemeinsam mit der Schülerschaft, den Lehrkräften sowie den Eltern sogar zu bundesweiter Anerkennung geführt: Unter anderem wurde sie von der Hertie-Stiftung als „Starke Schule“ und als eine der 15 besten Lernorte in Deutschland ausgezeichnet.
Inklusion ist sein Thema
Es ist ein Erfolg, auf den sich Joachim Wolff nicht ausruhen will. Inklusion lässt ihn auch als Pensionär nicht los. Dass das Thema für viele inzwischen ein Reizwort und Anlass zur Kritik geworden ist, lässt er daher nicht unwidersprochen stehen. Inklusion bedeutet für ihn, auf jedes Kind und auf jeden Jugendlichen individuell einzugehen. Stattdessen ist der „7-G-Unterricht“ in vielen Schulen die Regel: „7-G“ steht für „alle gleichaltrigen Schülerinnen und Schüler sollen zum gleichen Zeitpunkt von der gleichen Lehrperson im gleichen Raum mit den gleichen Mitteln und dem gleichen Ziel gleich gut unterrichtet werden“. Diese Art des Unterrichts hält Wolff von Grund auf für falsch: „Der Versuch, alle gleich zu behandeln und gleich zu machen, ist gescheitert.“
An der Paula-Modersohn-Schule geht man entsprechend anders vor: In jahrgangsübergreifenden Klassen gibt es individualisierten Unterricht mit Kompetenz- oder Themenrastern.
Buch gibt Einblicke in Schulalltag
Pädagogische Ansätze für mögliche Wege hin zu einer besser gestalteten Schule beschreibt Wolff in seinem gerade im Eigenverlag erschienenen Buch „Aufbruch ins unentdeckte Land: inklusive Schule“. Mit fiktiven, aber wissenschaftlich untermauerten Szenen aus dem Schulalltag lässt er die Vision einer Schule der selbstverständlichen Vielfalt lebendig werden. Auf seiner Website www.abenteuer-schulentwicklung.de gibt er vertiefende Einblicke und praktische Impulse.
Lehrer aus Überzeugung
Lehrer war Wolff Zeit seines Berufslebens nach eigenen Worten aus Überzeugung. Seit seinem Zivildienst in einer Sonderschule für Menschen mit geistiger Behinderung Ende der 1970er-Jahre hat er sich der Förderung aller Schülerinnen und Schüler verschrieben. Das hat sich seit seiner Pensionierung kaum geändert. So engagiert er sich etwa ehrenamtlich im Treffpunkt des Jugendwerks der Arbeiterwohlfahrt in Bremerhaven-Lehe. Wie wichtig Förderung ist, hat er selbst erfahren: „Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie“, erzählt er, „damals war es völlig selbstverständlich, dass Kinder mit dieser Herkunft auf die Realschule und nicht aufs Gymnasium gehen sollten.“
„Wirkliche Veränderung schafft man nicht als Einzelkämpfer“
Seine Eltern sowie seine Lehrerinnen und Lehrer förderten ihn trotzdem und ermöglichten ihm damals so, das Abitur zu machen. Das öffnete ihm nach dem Zivildienst den Weg zum Studium der Behindertenpädagogik fürs Lehramt. Aus den dann folgenden beruflichen Stationen ist Wolff neben viel persönlicher und pädagogischer Erfahrung vor allem eine Erkenntnis wichtig: „Wirkliche Veränderung von Schule und Unterricht schafft man nicht als Einzelkämpfer.“
Wolff befürwortet grundlegende Veränderung der Schulorganisation
Im Bremer Schulgesetz ist der Inklusionsauftrag seit vielen Jahren verankert – doch das allein hält Wolff nicht für ausreichend. „Wer wirklich Inklusion will, muss auch über den Lehrkräfteberuf und die Arbeitszeit sprechen. Inklusion braucht die systematische Zusammenarbeit aller schulisch tätigen Erwachsenen. Sie braucht Lehrkräfte, die an ihre Selbstwirksamkeit glauben und Vertrauen in ihre eigenen Kräfte haben.“
Das Bemühen um individuelle Förderung trifft nach Wolffs Überzeugung auf ein Schulsystem, das nach wie vor vom 7-G-Prinzip der „Gleichmacherei“ geprägt ist. Seiner Überzeugung nach hat sich in mancher Hinsicht in den Schulen allen Reformbemühungen zum Trotz nicht so viel getan, wie man denken könnte: „1873 betrug die Unterrichtsverpflichtung für eine Grundschullehrkraft 30 Stunden pro Woche, heute sind es 28 Stunden.“ Inzwischen werde von den Lehrkräften aber verlangt, multiprofessionelle Teamarbeit aufzubauen und neue Lernformen zu entwickeln – und das mit einer „Arbeitszeitregelung aus der Kaiserzeit, die für einen 7-G-Unterricht geschaffen wurde“. Er wünsche dich daher eine grundlegende Veränderung der Schulorganisation. Dabei denkt Wolff nicht nur an Lerninhalte und Stundenpläne: „Wir müssen die Art, wie in den Schulen gearbeitet wird, radikal neu denken.“
Joachim Wolff ist überzeugt, dass viele Schulen sich deshalb mit Inklusion so schwertun, weil sie in einer „Fragmentierungsfalle“ stecken: „Eine fragmentierte Schule ist ein Lernort, an dem nur wenig kooperiert wird und in der es keine einheitliche Strategie für die Schulentwicklung gibt“, erläutert er. Viele Lehrkräfte bemühten sich, durch persönlich entwickelte Einzelmaßnahmen den individuellen Erfordernissen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Nach seiner Beobachtung führe das jedoch zu einer strukturellen Überforderung der Lehrkräfte. Die Last der Inklusion werde auf einzelne übertragen, statt eine sich gegenseitig unterstützende Gemeinschaft aufzubauen.
Denkanstoß aus dem Physikunterricht
In seinen Publikationen geht es Wolff darum, Denkanstöße zu geben. Einen dieser Gedanken hat er dem Physikunterricht entnommen. Auf der Suche nach einer Strategie gegen die „Fragmentierung“ erinnerte er sich an die „Kondensationskerne“ – mikroskopisch kleine Partikel, die in der Luft schweben. An solchen Kernen formt sich Wasserdampf zu Wassertropfen. Ähnlich könnten sich seiner Überzeugung nach um eine für längere Zeit ausgewählte zentrale Schulaufgabe diverse Aktivitäten gruppieren. „Werden Veränderungsprozesse konsequent um ein zentrales, tragfähiges Element gruppiert, sinkt der notwendige Kraftaufwand für das Gesamtsystem“, ist Wolff überzeugt.
Auch wie es an der Paula-Modersohn-Schule weitergeht, verfolgt er mit Interesse. Gerade gab es dort erneut eine Auszeichnung: Beim Schülerwettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung erhielt ein Kurs für eine Gemeinschaftsarbeit einen Preis.
Pressekontakt:
Dr. Joachim Wolff, E-Mail: info@abenteuer-schulentwicklung.de
Bildmaterial:
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Foto 1: Joachim Wolff engagiert sich ehrenamtlich in einem Jugendtreff. ©WFB/Cosima Hanebeck
Foto 2: Joachim Wolff hat ein Buch über Integration geschrieben. ©WFB/Cosima Hanebeck
Foto 3: Inklusion ist das Lebensthema von Joachim Wolff. ©WFB/Cosima Hanebeck
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