16.10.2026
AutorIn: Wolfgang Heumer
Der abendliche Segeltörn auf der Weser hatte etwas Entspannendes. Den Blick über das Wasser schweifen lassen und den Sonnenuntergang genießen. Endlich mal das Ruder loslassen. Offenkundig genoß genoss Viktoria Schütz diese Momente bei ihrem Besuch in Bremerhaven. Im Gespräch ist dann aber zu erkennen, dass sie auch als Geschäftsführerin einer Maschinenbaufirma manches entspannter sieht als andere Unternehmer:innen. Sie will und muss sich nicht um jedes Detail kümmern. Im Gegenteil sogar: Selbstständiges Handeln im Unternehmen zu stärken, Verantwortung ins Team und damit an die zu geben, die die Situation am besten einschätzen können - das waren ihre ersten Schritte, als sie 2019 endgültig in den elterlichen Betrieb eintrat. Sieben Jahre später ist daraus ein viel beachtetes Beispiel für unternehmerisches Handeln geworden, das in die Zukunft weisende Antworten auf drängende gesellschaftliche Fragen ermöglicht. „Im Ursprung ging es darum, eigenverantwortliches Arbeiten zu fördern“, erinnert sich Viktoria Schütz, „längst geht es um ganzheitliches Denken und Handeln und darum, über das Arbeiten hinaus auch die Lebensrealitäten der Menschen zu betrachten.“
„Als junger Mensch will man nur dort weg“
Es ist bemerkenswert, wie offen Viktoria Schütz über ihren Weg an die Spitze der Deguma-Schütz GmbH, ihre Zweifel und Sorgen spricht. Sie macht keinen Hehl daraus, dass der Eintritt ins Familienunternehmen nicht ihr Herzenswunsch war. Ursprünglich war die 1990 von ihren Eltern gegründete Maschinenbaufirma im ländlichen Osthessen angesiedelt; auch der Umzug über die Landesgrenze hinweg nach Thüringen machte das Ganze in ihren Augen nicht attraktiver: „Wenn man auf dem Land lebt, will man als junger Mensch nur dort weg.“ Nach dem Abitur studierte sie zunächst in Bremen, nach dem Bachelor wechselte sie für ein Jahr nach Sao Paulo und Shanghai. Die Studienzeit beendete sie in Eberswalde mit dem Master in Marketing Management. Währenddessen arbeitete sie in den Marketingabteilungen namhafter Marken-Unternehmen.
In der Provinz arbeiten? Viktoria Schütz hatte es zwischenzeitlich in der Firma ihrer Eltern probiert. Dann kehrte sie wieder nach Berlin zurück; ein Leben als Digital Nomad oder das Engagement in einer E-Commerce-Firma erschienen ihr interessanter als die Instandsetzung von Maschinen für die Gummiproduktion. Als ihre Mutter starb und sie deren Geschäftsanteile erbte, entschloss sie sich dennoch, es noch einmal im Familienbetrieb zu versuchen: „Ein solches Unternehmen ist ja wie ein Geschwister, das immer mit am Tisch sitzt“, sagt sie. Dass eine Zusammenarbeit mit ihrem Vater schwierig sein würde, wusste sie noch aus ihrem ersten Anlauf. Aus der damaligen Erinnerung zeichnet sie das Bild eines wenig kommunikativen und eigenwilligen Menschen.
„Unser Verhältnis ist seitdem so gut wie nie zuvor“
Viktoria Schütz weist mit diesen Erinnerungen niemandem eine Verantwortung zu: „Ich hatte damals ja selbst kein konkretes Bild.“ Als sie das erkannte, verschaffte sie sich Klarheit über sich selbst, was sie erreichen und welchen Weg sie gehen will. In Verbindung mit einem offenen Gespräch mit ihrem Vater war das die Lösung: „Nach vier Monaten hat sich mein Vater aus dem Unternehmen herausgehalten. Unser Verhältnis ist seitdem so gut wie nie zuvor.“ Beruflich gesehen war die erste Zeit an der Unternehmensspitze allerdings kein Zuckerschlecken. Die Corona-Zeit veränderte den Markt; die Ausweitung des Deguma-Portfolios auf die Entwicklung und den Bau neuer Maschinen erwies sich als zäh.
Der Unternehmerin ging es aber nicht allein darum, die Firma wieder auf Kurs und zum Erfolg zu bringen. Vielmehr hat sie eigene Vorstellungen zu der idealen Verbindung von Arbeit und Leben. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die mittlerweile 40 Beschäftigten der Deguma-Schütz GmbH. New Work ist das landläufige Schlagwort für eine veränderte Arbeitskultur, die nicht nur Beschäftigung und Geldverdienen, sondern auch Motivation, Zufriedenheit und die Vereinbarkeit von Arbeit und Alltag im Blick hat: „Es geht um ganzheitliches Denken, bei dem wir auch die Lebensrealitäten der Beschäftigten berücksichtigen.“
„New Work“ wird bei Deguma zur gelebten Wirklichkeit
Schnell erkannte sie schnell, dass neben der Geschäftsstrategie noch andere Aspekte den Erfolg eines Unternehmens bestimmen. Vor allem sind es die Rahmenbedingungen für die Beschäftigten. Bis zum Generationswechsel war die Deguma-Schütz GmbH durch strenge Hierarchien und eine eher lückenhafte interne Kommunikation bestimmt. Viktoria Schütz stärkte die Eigenverantwortung, förderte den Mut, Fehler zu riskieren. Wertschätzung und Kommunikation bekamen einen deutlich höheren Stellenwert im Alltag. Nicht alles lief von Anfang an perfekt; aber längst haben sich die neuen Prozesse und die neue Kultur im Haus etabliert. „New Work“ ist bei Deguma-Schütz kein Schlagwort mehr, sondern gelebte Wirklichkeit. Das gilt auch für die Geschäftsführende Gesellschafterin persönlich: Zwei Wochen im Monat lenkt sie den Betrieb von ihrer Wahlheimat Berlin aus.
Symbol der Veränderung ist die im Betrieb praktizierte Form der Arbeitszeit. Die Beschäftigten können wählen, ob sie die 36 Wochenstunden auf vier oder fünf Tage verteilen. Streng genommen gilt das an 40 Wochen im Jahr; in den übrigen 12 Wochen wird Vollzeit gearbeitet, wenn es notwendig ist. Die Geschäfte entwickeln sich nach vorne; die gute Auftragslage hätte bei einer durchgängigen Vier-Tage-Woche unweigerlich zu Überstunden sowie zu Mehrkosten geführt und damit das eigentliche Ziel des gemeinsam mit der TU Ilmenau entwickelten Projektes geführtverfehlt: „Wir wollten ja nicht einfach die Arbeitszeit verkürzen, sondern die Rahmenbedingungen verbessern“, betont Viktoria Schütz.
Mehr als die Hälfte der Beschäftigten sind Frauen. „Viele von ihnen möchten gerne mehr arbeiten, konnten es aber nicht, weil die Kinderbetreuung nicht gesichert ist“, weiß Viktoria Schütz. Frauenförderung hat bei Deguma nichts mit Quote zu tun, sondern geschieht aus Überzeugung. Weibliche Fachkräfte finden sich nicht nur in der Verwaltung, sondern werden in technischen Bereichen ausgebildet und gefördert, übernehmen Verantwortung in gemischten Teams und treiben Innovationen voran.
Die Standardreaktion auf den demographischen Wandel ist nicht zu Ende gedacht
Die Unternehmerin hatte aber nicht nur solche Aspekte und die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben im Blick. Mehr leisten, länger arbeiten - die Standardreaktion auf den demographischen Wandel ist für Viktoria Schütz nicht zu Ende gedacht. „Wir müssen auch darauf schauen, wie die Leute möglichst lange motiviert und gesund bleiben“, betont sie. Deswegen hat sie für sich als Aufgabenstellung erkannt, was in vielen anderen Betrieben auch angewendet werden könnte: „Wie kann ich Arbeit so verändern, dass jemand, der körperlich arbeitet, auch tatsächlich so lange arbeiten kann, wie es gefordert wird?“ Die Vier-Tage-Woche ist kein Selbstläufer. Die Bedingungen müssen immer wieder angepasst werden. Zu stark ist die Prägung, dass sich alte Verhaltensweisen immer wieder einschleichen: „Die Vereinbarung läuft jeweils ein Jahr; dann schauen wir, ob und gegebenenfalls welche Parameter wir verändern müssen.“
Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie und weiteren Partnern arbeitet Viktoria Schütz inzwischen am nächsten richtungsweisenden Projekt. Bei „FlexPEP“ geht es um flexibles Arbeiten in der Produktion. „ Homeoffice war ja vor allem bisher ein Thema für Büro und Verwaltung“, erläutert Viktoria Schütz, „jetzt arbeiten wir daran, wie eine Umsetzung in der Produktion aussehen könnte.“ Ein Ansatz ist es dabei, Arbeitsschritte so zu dokumentieren, dass die Arbeit lückenlos fortgesetzt werden kann. Die angestrebte Flexibilität soll nicht nur den Beschäftigten dienen - sie kann auch dazu beitragen, Engpässe in der Auftragsabwicklung, eine ineffiziente Ressourcennutzung und eine erhöhte Mitarbeiterbelastung in der Produktion zu verhindern und so ein Unternehmen zusätzlich stärken.
So wie Viktoria Schütz aus ihrem Werdegang als Unternehmerin kein Geheimnis macht, lässt sie andere auch an ihren Überlegungen und Strategien für das Arbeiten von morgen teilhaben. Als Mentorin und in Webinaren unterstützt sie Unternehmer:innen, die im eigenen Betrieb einen ähnlichen Transformationsprozess beginnen oder fortsetzen wollen. Vor allem vermittelt sie den Teilnehmenden ihre Motivation: „Mein Ansporn ist es, eine Arbeitswelt zu gestalten, in der der Mensch im Mittelpunkt steht.“