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Kreislaufwirtschaft statt Abwracken - Lloyd Werft zählt zu den Pionieren im Schiffsrecycling

Bremerhaven kann zum bedeutenden Standort für Schiffsrecycling werden. Davon ist der Ökonom Raimund Bleischwitz überzeugt. Die Lloyd Werft sieht hierin bereits ein vielversprechendes Geschäftsfeld. Als eine der ersten Werften bundesweit bietet sie die fachgerechte und umweltschonende Demontage ausgedienter Schiffe an.

29.10.2026
AutorIn: Thomas Jopping

Hunderte ausgediente Schiffe werden jedes Jahr weltweit abgewrackt. Das geschieht bislang in Ländern wie Bangladesch oft unter ungenügenden Arbeits- und Umweltbedingungen. Doch das soll sich künftig ändern. 2025 trat die Hongkong-Konvention in Kraft: Das internationale Abkommen soll die Standards verbessern.

Künftig sollen auch in Deutschland ausgediente Schiffe fachgerecht demontiert werden. Im September 2026 kündigte die Bremerhavener Lloyd Werft an, ins Rückbaugeschäft einzusteigen. Bremerhaven biete mit seiner maritimen Logistik und seiner unmittelbaren Nähe zur Nordsee gute Voraussetzungen, um sich als Standort für den nachhaltigen Rückbau von Schiffen zu profilieren, betont Andre Hennes von der Lloyd Werft. Die Werft zählt damit zu den ersten Standorten bundesweit, an denen diese Dienstleistung angeboten wird. Als erstes Unternehmen erhielt 2025 die EWD Benli Recycling GmbH in Emden von Behörden die Genehmigung.

„Mit der Hongkong-Konvention wächst die Bedeutung von professionellen Recyclingstandorten, die transparente Prozesse, hohe Standards in puncto Arbeitssicherheit und eine nachvollziehbare Verwertung der Materialien gewährleisten können“, sagt Hennes. Die Lloyd Werft sehe im Schiffsrecycling eine Chance, ein zusätzliches Geschäftsfeld aufzubauen und vorhandene Werftkapazitäten sinnvoll zu nutzen, so Andre Hennes. Er ist im Unternehmen für den Bereich HSSEQ verantwortlich. Die englische Abkürzung steht für Gesundheit, Sicherheit, Objektschutz, Umweltschutz und Qualität – Aspekte, die bei der Entsorgung ausgedienter Schiffe weltweit lange Zeit wenig beachtet wurden.

„Beim Zerlegen gelangen oft Schweröl oder Asbest ins Meer“

„In vielen Ländern des Globalen Südens zerlegen Arbeiter riesige Schiffe händisch am Strand – oft unter Einsatz ihres Lebens, weil sie weder Kräne noch professionelle Arbeitskleidung wie Sicherheitsschuhe oder Bauhelme haben“, sagt Professor Raimund Bleischwitz vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen. Und nicht nur das: „Beim Zerlegen gelangen oft Schweröl oder Asbest ins Meer. Für Korallen, Fische und andere Tiere und Pflanzen im Meer sind solche Substanzen oft tödlich.“  

Als Bleischwitz am ZMT 2022 wissenschaftlicher Direktor wurde, fragte er sich, wie er mit seiner Expertise als Nachhaltigkeitsökonom an dem naturwissenschaftlich geprägten Institut „am besten andocken könnte“, wie er sagt. Im Schiffsrecycling fand er ein Forschungsthema, bei dem das Wort andocken programmatisch ist. Würden ausgemusterte Schiffe überall auf der Welt in Docks professionell zerlegt und recycelt, ließen sich viele Gefahren für Mensch und Meer beseitigen. Schiffsrecycling gehört für ihn deshalb ins Forschungsportfolio seines Instituts, das sich dem Schutz der tropischen Meereswelt widmet.

Weiterentwicklung des maritimen Leistungsspektrums

Laut einer Erhebung des ZMT werden nur etwa ein Prozent der Schiffe, die europäischen Unternehmen gehören, auch auf diesem Kontinent entsorgt. Dies habe lange Zeit einerseits an lückenhaften Auflagen gelegen. Andererseits hätten europäische Werften bislang nur wenige Kapazitäten für Schiffsrecycling bereitgehalten, sagt Bleischwitz.

Die Bremerhavener Lloyd Werft will nun dazu beitragen, dass dieser Wert steigen kann. Sie sieht sich dafür gut gerüstet: „Wir verfügen am Standort Bremerhaven über eine hervorragende Infrastruktur, jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit komplexen Schiffen und vor allem über hochqualifizierte Fachkräfte“, so Hennes. Hinzu komme ein Netzwerk aus spezialisierten Dienstleistungs-, Zuliefer- und Entsorgungsunternehmen. „Diese gewachsenen Strukturen sind für uns ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.“

Rohstoffe in die Wertschöpfungsketten zurückführen

Die Kompetenzen wolle man künftig für die umweltgerechte und wirtschaftlich sinnvolle Verwertung von Schiffen am Ende ihrer Lebensdauer einsetzen. „Wir sind überzeugt, dass der gesamte Lebenszyklus eines Schiffes stärker in den Mittelpunkt rücken muss – vom Neubau über die Instandhaltung und Modernisierung bis hin zum fachgerechten Rückbau und zur Wiederverwertung der eingesetzten Materialien.“

Dabei gehe es nicht um klassische Schiffsverschrottung, sondern um industrielles Schiffsrecycling unter hohen europäischen Umwelt-, Arbeits- und Sicherheitsstandards. „Jedes Schiff ist unterschiedlich aufgebaut und erfordert eine individuelle Planung, insbesondere beim Umgang mit Schadstoffen sowie bei der fachgerechten Trennung und Wiederverwertung der Materialien“, sagt Hennes. Schiffe enthielten erhebliche Mengen hochwertiger Materialien, insbesondere Stahl und andere Metalle. Diese Rohstoffe sollten möglichst wieder in industrielle Wertschöpfungsketten zurückgeführt werden. Schiffsrecycling sei daher nicht nur als Entsorgungsaufgabe zu sehen, sondern als wichtiger Bestandteil einer modernen Kreislaufwirtschaft.

Hongkong-Konvention bringt weltweite Veränderungen

Sogar Bangladesch, wo weltweit die meisten Schiffe unter oftmals problematischen Bedingungen abgewrackt werden, ist der Hongkong-Konvention beigetreten. Wie das ZMT dort bei Forschungsinterviews erfuhr, sollen vor Ort mehr als die Hälfte der vorhandenen Anlagen stillgelegt werden, weil sie die Standards nicht erfüllen. Unterdessen investiere Indien massiv in das Geschäftsfeld Schiffsrecycling. „Wie viel die Konvention für den Arbeits- und Umweltschutz bewirken kann, wird einerseits davon abhängen, wie die Staaten zusammenarbeiten, andererseits aber auch davon, wie kritisch Öffentlichkeit, Medien, aber auch Versicherungen und Gerichte auf die Einhaltung der Standards achten“, sagt Bleischwitz.

Moderne Schneide- und Zerlegetechniken

Eine sicherere und umweltgerechtere Demontage von Schiffen werde auch durch den technischen Fortschritt begünstigt: „Die Möglichkeiten im Rückbau und in der Materialtrennung entwickeln sich kontinuierlich weiter“, betont Hennes. Moderne Schneide- und Zerlegetechniken, optimierte Schadstofferfassung und verbesserte Recyclingverfahren ermöglichten es, Schiffe zunehmend effizient und ressourcenschonend zurückzubauen. Raimund Bleischwitz sieht weiteres Potenzial in der Digitalisierung der Arbeitsabläufe. Als Zukunftsszenario nennt er sogenannte digitale Zwillinge, also virtuelle Abbilder von Schiffen, die in Kombination mit KI-gesteuerter Robotik die Demontage erleichtern.

Großes Interesse am Thema Schiffsrecycling

Dass es in Bremen eine Offenheit für das Thema Schiffsrecycling gibt, hatte Bleischwitz schon kurz nach seinem Start am ZMT gemerkt: In einem Zeitungskommentar beschrieb er das Potenzial des Bundeslandes für dieses Geschäftsfeld. Neben der maritimen Infrastruktur in Bremerhaven nannte er dabei unter anderem auch die Nähe zur Stahlindustrie in Bremen als Vorteil. Der Beitrag löste ein breites Echo aus: Bleischwitz erhielt zahlreiche Anfragen, wurde zu einer Panel-Diskussion in der Bremischen Bürgerschaft eingeladen, und zwei Senatsressorts sowie das Maritime Cluster Norddeutschland beauftragten sein Institut mit einer Potenzialanalyse. „Das hat mich positiv überrascht“, sagt er rückblickend.

Dass die Lloyd Werft, die zur Bremerhavener Heinrich Rönner Gruppe gehört, nun ins Schiffsrecycling eingestiegen ist, freut Bleischwitz. In den kommenden fünf bis zehn Jahren, so schätzt er, könnte die Seestadt das Potenzial entwickeln, 20 bis 30 Schiffe zu zerlegen und die Rohstoffe wieder zu verwerten. Neben der maritimen Infrastruktur sieht er dabei unter anderem auch die Nähe zur Stahlindustrie in Bremen als Vorteil.

Lloyd Werft möchte schnellere Genehmigungsverfahren

Damit sich Schiffsrecycling als wichtiger Teil der maritimen Wertschöpfung in Deutschland etablieren könne, brauche es jedoch schlankere und schnellere Genehmigungsverfahren, meint Andre Hennes. So habe die Lloyd Werft auf ihre Genehmigung zwei Jahre warten müssen – das sei mit Blick auf den internationalen Wettbewerb deutlich zu lang. Die Planungssicherheit sowie eine zügige Umsetzung litten darunter, so Hennes.

Qualität als Vorteil im internationalen Wettbewerb

Doch selbst bei schnelleren Genehmigungsverfahren werde Deutschland nicht mit allen Standorten weltweit konkurrieren können. „Unser Wettbewerbsvorteil liegt in der Qualität, der technischen Kompetenz und der Einhaltung hoher Umwelt- und Sicherheitsstandards“, sagt Hennes. „Wir sind überzeugt, dass Schiffsrecycling langfristig zu einem wichtigen Bestandteil der maritimen Wertschöpfung in Deutschland werden kann.“

Gerade bei Spezialschiffen, Offshore-Einheiten, Behördenfahrzeugen und technisch anspruchsvollen Schiffen sehe man gute Chancen in Deutschland. „Dieses Geschäftsfeld wollen wir schrittweise und wirtschaftlich nachhaltig entwickeln. Dabei setzen wir nicht auf Masse, sondern auf Projekte, bei denen wir unsere Stärken als deutscher Werftstandort gezielt einbringen können.“

Pressekontakte:

Kira Rönner, Head of Marketing & Communication Design, Heinrich Rönner Gruppe, Tel.: +49 471 80960 995, E-Mail: k.roenner@hr-gruppe.de

Andrea Daschner, Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung, Tel.: +49 421 238 00-72, E-Mail: press@leibniz-zmt.de

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