18.08.2026
AutorIn: Wolfgang Heumer
Mitte August 2026 zeigt sich der Sommer in Bremerhaven von einer außergewöhnlichen Seite. Normalerweise weht dort selbst an warmen Tagen eine erfrischende Brise. Doch dieses Mal ist die Luft stickig, das Thermometer „klebt“ bei 34 Grad Celsius. Ausgerechnet bei dieser Temperatur bereitet sich Dr. Julia Regnery auf mehrere Monate in extremer Kälte vor.
Das scheinbare Paradoxon klärt sich schnell. Die Atmosphären-Chemikerin arbeitet am Alfred-Wegener-Institut (AWI). Ab Mitte September 2026 wird sie sich für mindestens acht Monate in der Arktis mit den Auswirkungen des Klimawandels befassen, der auch für das sommerliche Extremwetter in ganz Europa verantwortlich ist. „Die Arktis ist einer der Hotspots des Klimawandels“, sagt die Wissenschaftlerin, „aber wir wissen fast nichts über die dortigen Verhältnisse während des polaren Winters.“ Als Mitglied der „Polaris 1“-Expedition der französischen „Tara Polar Station“ will sie dazu beitragen, die Wissenslücken zu schließen.
Plattform lässt sich zehn Mal durch die Polarnacht treiben
„Polaris 1“ ist die erste Expedition der schwimmenden Forschungsplattform, die von der französischen Stiftung Tara Océan betrieben wird. Bis zum Jahr 2045 soll das außergewöhnliche Fahrzeug mindestens zehn Mal während der dunklen Wintermonate an einer Eisscholle befestigt durch den Arktischen Ozean driften. „Ziel ist es, so viele Informationen wie möglich über die Biologie, Chemie und Physik der winterlichen Polarregion zu sammeln“, erläutert Dr. Marcel Nicolaus, Meereisphysiker am AWI. Obwohl sich der Polar-Pionier Fridtjof Nansen schon von 1893 bis 1896 auf seinem Segelschiff „Fram“ durch die Arktis treiben ließ, mangelt es an Langzeitbeobachtungen aus der monatelangen Polarnacht.
Festmachen auf 82 Grad Nord und 140 Grad Ost
Die bislang größte Arktis-Expedition unternahm der Eisbrecher „Polarstern“. Das AWI-Flaggschiff driftete von September 2019 bis Oktober 2020 durchs Eismeer. Nicolaus war damals unter anderem Co-Fahrtleiter auf dem ersten Abschnitt. Seine Erfahrungen aus etlichen weiteren Expeditionen zu beiden Polen der Erde kommen „Polaris 1“ zugute. Nicolaus wird die „Tara Polar Station“ von Bremerhaven aus bei der Auswahl der Eisscholle beraten, an der das Forschungsvehikel auf einer Position von etwa 82 Grad Nord und 140 Grad Ost festmachen soll.
Monatelanges Leben auf engem Raum schreckt Julia Regnery nicht
Julia Regnery wird zu dem Zeitpunkt bereits an Bord der „Tara Polar Station“ sein und den Fahrtabschnitt vom Start im norwegischen Kirkenes bis ins Frühjahr 2027 im Packeis begleiten. Zu dem Zeitpunkt wird die Crew an Bord dann um sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf 18 Personen erhöht. Bis dahin befinden sich zwölf „Reisende“ auf der Plattform: Sechs internationale Forschende und die sechsköpfige nautische Besatzung leben auf engstem Raum zusammen. Die „Tara Polar Station“ ist lediglich 26 Meter lang und 16 Meter breit. Das enge Miteinander schreckt Julia Regnery jedoch nicht. Neben zahlreichen anderen Polarexpeditionen hat sie bereits in einem neunköpfigen Team einen langen eisigen Winter auf der Station Neumayer III in der Antarktis verbracht.
Für ein konfliktfreies Zusammenleben hat sie ein Grundrezept: „Es muss einem klar sein, dass nicht der andere Schuld hat, wenn er mir mit etwas auf die Nerven geht, sondern dass die Ursache irgendwo in einem selbst liegt“, betont sie.
Für technische Geräte zuständig
Langweilig wird es Julia Regnery auf der „Tara Polar Station“ sicher nicht. „Insgesamt haben wir mehr als 200 Arbeitsprotokolle von mehr als 30 Instituten weltweit vor uns, die wir zu sechst regelmäßig abarbeiten müssen“, sagt sie. Nominell arbeitet sie an den Atmosphären- und Meereis-Untersuchungen, zu denen das AWI etliche Punkte eingebracht hat. Damit ist die Wissenschaftlerin auch für die technischen Geräte in diesen Fachbereichen zuständig.
Nach der Fertigstellung auf einer Werft im französischen Cherbourg hatte sie die „Tara Polar Station“ bereits kennengelernt. Viele der inzwischen installierten Systeme waren damals noch nicht an Bord: „Deswegen heißt es für mich jetzt erst einmal, Handbücher und Bedienungsanleitungen studieren.“ Falls etwas unterwegs kaputtgeht, muss sie improvisieren oder auf die Hilfe der nautischen Crew vertrauen: „Für Ersatzteile oder gar redundante Systeme ist auf diesem Schiff kaum Platz.“
Tauchroboter-Einsatz kann von Bremerhaven gesteuert werden
Ohnehin ist die „Tara Polar Station“ ein eigenartiges Vehikel. Die Konstruktion aus 20 Millimeter starken Aluminiumplatten wirkt wie eine Mischung aus Ufo und Schlauchboot. Der kantige Aufbau thront auf einem wulstigen Rumpf, dessen Unterwasserbereich die Form einer Suppenschüssel hat. „Dank seiner Form kann das Eis den Rumpf nicht zerdrücken, sondern hebt ihn einfach hoch“, erläutert Dr. Regnery.
In der Mitte des Schiffes befindet sich ein senkrechter Schacht mit 1,6 Metern Durchmesser, der für Marcel Nicolaus wichtig ist. Das AWI hat einen Tauchroboter zu der Expedition beigesteuert, mit dessen Hilfe die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Unterseite des Meereises erforschen wollen. Wenn von dem Team an Bord gewünscht, kann Nicolaus den Roboter von einem „Remote Control Center“ in Bremerhaven fernsteuern – leistungsfähige Datenverbindungen über Satellitensysteme wie Starlink oder OneWeb machen es möglich. Fun Fact am Rande: Die Steuerungsinstrumente stammen aus Computerspielen und der Xbox: „Die Gaming-Branche hat einfach das beste Know-how in diesen Bereichen“, sagt Nicolaus.
Er selbst wird erst nach dem Ende der Eisdrift im kommenden Frühjahr an Bord der „Tara Polar Station“ gehen. Julia Regnery kehrt dann nach Bremerhaven zurück. Wenn sie noch oder wieder an Land sind, können die beiden oder auch alle anderen Interessierten die Expedition live verfolgen. Unter der Adresse https://awi.panomax.com/tara-polar-station überträgt das AWI ständig Live-Bilder von der Expedition. Unter meereisportal.de finden sich ebenfalls aktuelle Informationen aus der Arktis – auch über die aktuelle Ausdehnung des schwindenden Meereises, das im Mittelpunkt dieser besonderen Expedition steht.
Pressekontakt:
Dr. Folke Mehrtens, Pressereferentin Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), Tel.: +49 471 4831-2007, E-Mail: medien@awi.de
Bildmaterial:
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.
Foto 1: Dr. Julia Regnery und Dr. Marcel Nicolaus sind an der Expedition beteiligt. ©WFB/Jens Lehmkühler
Foto 2: Die „Tara Polar Station“ ist lediglich 26 Meter lang ©Fondation Tara Océan
Foto 3: Tauchroboter-Einsatz kann von Bremerhaven gesteuert werden. ©WFB/Jens Lehmkühler
Foto 4: Die Steuerungsinstrumente stammen aus Computerspielen und der Xbox. ©WFB/Jens Lehmkühler
Foto 5: An Bord sind bis zu 18 Personen. ©Fondation Tara Océan
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