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Weltkriegswracks: Der Gefahr auf dem Meeresgrund auf der Spur

17.08.2020, Autor: Wolfgang Heumer
Allein in der deutschen Nordsee liegen mehr als 120 Wracks von Schiffen und Flugzeugen aus beiden Weltkriegen. Welche Gefahren für die Umwelt gehen von ihnen aus? Das will das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Belgien, den Niederlanden, Dänemark und Norwegen herausfinden. Muscheln spielen dabei eine wichtige Rolle

Die Bilder sind beeindruckend und beängstigend zugleich. An Bord des britischen Kriegsschiffes HMS Basilisk sind fein säuberlich 120-mm-Granaten für eines der Zwillingsgeschütze des Zerstörers gestapelt. Doch das Schiff liegt nicht irgendwo in einem Hafen, sondern viele Meter tief unter der Wasseroberfläche der Nordsee. Vor 80 Jahren wurde es während der Evakuierung der britischen Truppen aus Dünkirchen von deutschen Flugzeugen versenkt. Abgesehen von der Trauer um die dabei getöteten Marinesoldaten bewegte der Zerstörer seither kaum die Gemüter. Doch das kann sich schnell ändern. Unter Federführung des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) in Bremerhaven richten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf europäischen Ländern seit zwei Jahren ihr Augenmerk auf das 98 Meter lange Schiff und insbesondere auf die Munition an Bord: „Niemand weiß derzeit, welche Gefahr von diesem und ähnlichen Wracks für die Umwelt ausgehen“, sagt Dr. Philipp Grassel, Unterwasser-Archäologe am DSM.

Munition aus den Weltkriegen im Meer entwickelt sich zunehmend zum Problem

Nach 80 Jahren unter Wasser muss man aber davon ausgehen, dass durch Korrosion Gefahrstoffe aus der Munition oder aus den Betriebsmitteln an Bord in die Umgebung gelangen: „Wir wollen herausfinden, ob es tatsächlich so ist und welche Gefahren dann möglicherweise damit verbunden sind“, sagt Grassel über das rund 4,7 Millionen Euro teure Projekt „North Sea Wrecks“, das er am DSM gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern betreut. Die Hinterlassenschaften des Ersten und Zweiten Weltkrieges entwickeln sich zunehmend zum Problem. Bekannt sind die Sorgen um riesige Mengen von Munition, die nach beiden Weltkriegen in Nord- und Ostsee verklappt wurden. „Allein in der Nordsee sollen es Schätzungen zufolge insgesamt rund 1,3 Millionen Tonnen sein, die einfach irgendwo versenkt wurden“, weiß Grassel. Angesichts dieser Massen scheint das Problem der in beiden Kriegen in der Nordsee versenkten Marineschiffe und der über dem Meer abgestürzten Militärflugzeuge eher klein zu sein, aber der Eindruck täuscht: „Wir wissen praktisch nichts über diese Wracks, außer dass wir ihre ungefähre Position feststellen können“, betont Grassel.

Geistes- und Naturwissenschaftler arbeiten gemeinsam an dem komplexen Thema

Das vom DSM initiierte Forschungsprojekt soll zur Aufklärung beitragen: „Es ist ein sehr komplexes Thema, deswegen arbeiten wir nicht nur international, sondern auch interdisziplinär mit Geistes- und Naturwissenschaftlern zusammen“, erläutert er. Mit von der Partie sind unter anderem das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut sowie meereswissenschaftliche Institute aus den teilnehmenden Ländern sowie das Institut für Toxikologie und Pharmakologie am Uniklinikum Schleswig-Holstein. Noch bis Mitte nächsten Jahres wird geforscht.

Historiker suchen nach gesunkenen Schiffen und abgestürzten Flugzeugen

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum bringt eine besondere Kompetenz in das Vorhaben ein. Die Historikerinnen und Historiker der Forschungsinstitution haben reichlich Erfahrung, Quellen wie Seekarten, Logbücher und zeitgenössische Berichte für die Suche nach konkreten Hinweisen auf Wrackpositionen, den Inhalt der gesunkenen Schiffe und abgeschossenen Flugzeuge und ähnliche Gefahrenstellen zu durchsuchen. „Vieles haben wir in unserer eigenen Sammlung, zudem können wir auf weitere Quellen wie das Deutsche Militärarchiv in Freiburg und das umfangreiche Wissen externer Experten zugreifen“, sagt Grassel. In einem ersten Abschnitt der 2018 begonnenen Arbeiten haben belgische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwei Wracks vor der belgischen Küste identifiziert, die für die Untersuchungen gut geeignet erschienen. Neben der britischen HMS Basilisk ist es das deutsche Vorpostenboot John Mahn - ein seinerzeit umgebauter Fischkutter aus Bremerhaven, der im Februar 1942 von britischen Flugzeugen versenkt wurde. „Die Wracks liegen in einer Wassertiefe, die wir noch gut bewältigen können; außerdem sind sie derzeit nicht vom Sand eingespült und deswegen gut zugänglich“, erläutert Grassel.

Muscheln als Indikatoren für Gefahrstoffe aus Munition und versenkten Schiffen

Die Munition an Bord der HMS Basilisk wirkte zumindest auf den ersten Blick weitgehend intakt - abgesehen von einer grünen Algenschicht, die sich im Laufe der Jahrzehnte auf den Granathülsen gebildet hat. „Für uns ist es nun die Frage, ob Stoffe aus den Granaten austreten und welchen Weg sie dann nehmen“, berichtet der DSM-Experte. Zwei Jahre nach Projektstart erhoffen sich die internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun erste Erkenntnisse und setzen dabei auf natürliche Hinweisgeber: Miesmuscheln. Sowohl an den beiden Wracks als auch an den Fundamenten eines Windparks vor der belgischen Küste haben sie im vergangenen Jahr Muscheln in speziellen Behältnissen ausgebracht und inzwischen wieder eingesammelt. Muscheln wirken wie Filter und lagern eventuell austretende Stoffe in ihrem Fleisch an“, erläutert Grassel. Die in dem Windpark ausgesetzten Exemplare sind gewissermaßen die Kontrollprobe aus munitionsfreiem Wasser - Stoffe, die ausschließlich in den Wrackproben gefunden werden, müssen dann mit größter Wahrscheinlichkeit aus den versenkten Schiffen kommen.

Sensibles Thema wird in einer Wanderausstellung dokumentiert

Parallel zu den Arbeiten in Belgien sind die DSM-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler derzeit damit befasst, ähnliche Untersuchungsobjekte in den deutschen Nordsee-Gewässern zu identifizieren. Details möchte Grassel noch nicht nennen: „Das ist ein sehr sensibles Thema“, sagt er. „Dass wir irgendwo etwas untersuchen, kann schnell missverstanden werden.“ Die Forscherinnen und Forscher gehen schließlich nicht Hinweisen auf eine Belastung nach, sondern wollen erst einmal erkunden, ob es überhaupt eine Kontamination geben könnte. „Wir wollen die Grundlagen schaffen, damit dieses zweifelsfrei wichtige Thema überhaupt angegangen werden kann“, betont Grassel. Es sei eine Bestandsaufnahme, aus der die Politik dann Handlungsnotwendigkeiten ableiten könne. Auch wenn sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler derzeit etwas bedeckt halten - die Öffentlichkeit soll auf jeden Fall im Detail informiert werden: Alle Ergebnisse des Vorhabens werden in einer Wanderausstellung dokumentiert, die voraussichtlich ab Herbst 2021 zu sehen sein wird.

Pressekontakt:

Thomas Joppig, Leitung Kommunikation, Deutsches Schifffahrtsmuseum, Tel.: +49 471 482 07 832 , E-Mail: presse@dsm.museum

Autor: Wolfgang Heumer

Bildmaterial:

Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

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Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet bereits seit Juli 2008 monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autorenstücke, die von Journalisten für Journalisten geschrieben werden. Es ist erwünscht, dass Journalistinnen und Journalisten den Text komplett, in Auszügen oder Zitate daraus übernehmen.

Bei Fragen schreiben Sie einfach eine E-Mail an pressedienst@wfb-bremen.de.

 

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