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Wegweiser für schwimmende Riesen: Lotsen führen mit Umsicht und Können vorbei an gefährlichen Untiefen

23.10.2019, Autor: Wolfgang Heumer
Die Außenweser ist für die Handelsnation Deutschland unverzichtbar. Das Revier zwischen Bremerhaven und den Leuchttürmen Roter Sand und Alte Weser ist zugleich eine anspruchsvolle Schifffahrtsstraße. Ohne die Unterstützung von Seelotsen wäre die Fahrt für die Frachter aus aller Welt ein gewagtes Unterfangen.

Mehr als 13.000 Fracht- und Passagierschiffe steuern jährlich von der Nordsee die Häfen in Bremerhaven und Bremen an. Dass sie dort wohlbehalten ankommen, ist auch den 110 Mitgliedern der Lotsenbrüderschaft Weser II / Jade in Bremerhaven zu verdanken, die sich bestens im schwierigen Revier der Außenweser auskennen. 
 
Lotsen sichern Verkehrsader für Exportnation Deutschland
 
Von seinem Schreibtisch aus hat Jan-Helge Janssen eine fantastische Aussicht aus dem Fenster. Sein Büro liegt am Bremerhavener Weserstrandbad, Janssens Blick kann von rechts über den Containerterminal nach links über die weiten Flächen der Außenweser bis zur Nordsee am Horizont schweifen. Doch der Bremerhavener schaut nur selten aus dem Fenster. Nicht nur, weil auf dem Schreibtisch genug Arbeit liegt. „Wasser kann ich den ganzen Tag sehen“, sagt der 43-Jährige.
 
Janssen ist Seelotse und der so genannte Ältermann, gewissermaßen der Sprecher der Lotsenbrüderschaft Weser II/Jade in Bremerhaven. Deren 110 Mitglieder sind allesamt erfahrene Kapitäne und bringen jährlich rund 13.000 Fracht- und Passagierschiffe von der Nordsee sicher nach Bremerhaven oder Bremen und außerdem nach Wilhelmshaven. „Wir stehen den Kollegen an Bord dieser Schiffe beratend auf dem Weg durch das komplizierte Revier zur Seite“, sagt Janssen.
 
Ein Lotse muss fit und schwindelfrei sein
 
Gerade ist das Lotsenversetzschiff „Visurgis“ am 189 Meter langen Erzfrachter „Veruda“ längsseits gegangen und holt den Seelotsen ab, der das Schiff die Weser aufwärts geführt hat. Von Janssens Bürofenster aus ist gut zu beobachten, wie der Kollege mehr als zehn Meter eine schwankende Jakobsleiter herabklettern muss. Scheu vor großen Höhen dürfen Lotsen nicht haben. „Reine Übungs- und Nervensache“, meint Janssen schmunzelnd. Bei gutem Wetter mag das stimmen – bei starkem Seegang und Wind, bei Dunkelheit und dann auch noch draußen in der Deutschen Bucht sieht das zumindest aus Laiensicht ganz anders aus. „Man muss schon fit sein, das wird auch regelmäßig überprüft“, betont Jan-Helge Janssen. Wenn die Bedingungen vor Ort zu heftig seien, werde der Lotse vom Helikopter abgesetzt oder das Versetzschiff werde aus der Nordsee auf eine etwas ruhigere Innenposition zurückgesetzt.
 
 
60 Kilometer lange Fahrt durch das sensible Weltnaturerbe Wattenmeer
 
Das Arbeitsgebiet der Bremerhavener Seelotsen ist groß. Das Revier umfasst zum einen die 32 Seemeilen lange Außenweser - umgerechnet knapp 60 Kilometer – zwischen Bremerhaven und der roten Leuchttonne 2a (sprich: Zwei-alpha) an der Mündung in die Deutsche Bucht. Zum anderen gehört das so genannte Jade-Fahrwasser dazu: „Diese Zufahrt zum Tiefwasserhafen und zum Ölterminal Wilhelmshaven wird in erster Linie von ganz großen Tankern und Containerschiffen befahren“, erläutert Janssen.
 
Wattenmeer stellt besondere Anforderungen in Sachen Sicherheit
 
Neben der Elbe sind Weser und Jade die wichtigsten Schifffahrtswege der Exportnation Deutschlands. Aber nicht nur deswegen muss der Verkehr auf beiden Wasserstraßen sicher und zuverlässig geregelt werden: „Beide Wege verlaufen durch den Nationalpark Wattenmeer, der wegen seiner Einzigartigkeit zum Weltnaturerbe gehört. Das stellt natürlich noch ganz besondere Anforderungen in Punkto Sicherheit“, betont Janssen.
 
Seit 1720 sorgen Lotsen für Sicherheit auf dem Weg in die Nordsee
 
Dass das sichere Navigieren auf der Weser erfahrene Kapitäne erfordert, ist nicht erst ein Thema, seitdem bis zu 95 Prozent des Welthandels auf dem Wasserweg erfolgt. Bereits im Jahr 1720 wurden in der Quarantäneverordnung der Regierungskanzlei Oldenburg die Weserlotsen erwähnt. Die Notwendigkeit, revier-unkundigen Kapitänen Hilfe zu geben, hatte damals denselben Hintergrund wie heute: „Ebbe und Flut führen zu starken Strömungen, die immer wieder ihre Richtung ändern. Als Folge verändert sich immer wieder die Landschaft unterhalb des Wasserspiegels“, erklärt Janssen. Zwar hält die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung das Fahrwasser in Jade und Weser auf der vorgeschriebenen Mindesttiefe, dennoch müssen sich die Lotsen ständig über die Situation unter Wasser informieren. „An manchen Stellen ist die Fahrrinne nur 220 Meter breit. Da muss man sich genau überlegen, wo man lang fährt.“
 
Erfahrung und Revierkenntnisse sind für Lotsen unverzichtbar
 
Wer fremde Schiffe sicher geleiten will, muss sich aber nicht nur im Revier auskennen. „Ein Lotse braucht auch Erfahrung in der Schiffsführung“, betont der Ältermann. Wer Lotse werden will, muss deshalb nach der nautischen Ausbildung mehrere Jahre zur See fahren und die Zulassung – das Befähigungszeugnis als Kapitän auf großer Fahrt – haben. Dann wartet eine weitere fünfjährige Ausbildung auf ihn.
 
Lotsen üben im Simulator das Steuern von Schiffsmodellen
 
Darin sammeln sie schrittweise Erfahrungen mit unterschiedlichen Schiffsgrößen, bis sie am Ende auch die Kapitäne der 400 Meter langen und mehr als 60 Meter breiten Containerriesen beraten dürfen. „Bei einer Seitenfläche von bis zu 20 000 Quadratmetern reicht schon leichter Wind, um ein solches Schiff kräftig zur Seite zu drücken“, erläutert Janssen. Spätestens in solchen Fällen zahlt es sich aus, dass die Bremerhavener Lotsen in Fortbildungen den Umgang mit den Schiffsriesen regelmäßig trainieren. In einem Simulator können sie sogar maßstabsgerechte Schiffsmodelle steuern, die mit realistischen Einflüssen zu kämpfen haben.
 
Als Freiberufler im staatlichen Auftrag unterwegs
 
Aufgaben und Qualifikationen der Lotsen sind in Deutschland seit 1954 im „Seelotsgesetz“ geregelt. Für den Laien ist dabei eines erstaunlich: „Lotsen sind zwar im staatlichen Auftrag unterwegs, arbeiten aber selbstständig als Freiberufler“, sagt Jan-Helge Janssen. Der Hintergrund: Weil ihre Empfehlungen an die Kapitäne und Offiziere der gelotsten Schiffe mit großer Verantwortung und unter Umständen weitreichenden Folgen verbunden sind, sollen die Lotsen ihre Arbeit unabhängig von Interessen Dritter – sei es von Seiten des Staates oder von Seiten der Reeder – wahrnehmen können.
 
Jeder bekommt das gleiche Geld
 
Die Lotsenbrüderschaft ist gewissermaßen ihre Dachorganisation, die tatsächlich vom Gedanken der Brüderlichkeit getragen wird: Alle Mitglieder sind gleichberechtigt, die Einnahmen aus den sogenannten Lotsgeldern werden zu gleichen Teilen an alle Mitglieder der Brüderschaft ausgezahlt. Auch hier gilt der Geist der Unabhängigkeit: Lotsen sollen nicht weniger verdienen als die Kapitäne, die sie beraten. Auch die soziale Absicherung ist beispielhaft: Wird ein Lotse krank, bekommt er bis zu zwei Jahre das volle Gehalt weiterbezahlt.
 
Die „Bört“: Einsatzplanung nach traditionellem Prinzip
 
Die Einsätze erfolgen nach dem traditionellen Prinzip der Bört, das schon im 18. Jahrhundert galt. Bört bedeutet Reihendienst, alle 110 Bremerhavener Lotsen werden nacheinander eingesetzt. Wer von einem Lotsdienst zurückkommt, reiht sich hinten in der Schlange wieder ein. Das hat Auswirkungen aufs Privatleben: Dieses ist nur im freien Monat nach vier Bereitschaftsmonaten verbindlich planbar.
 
Warten auf den nächsten Einsatz dauert mitunter viele Stunden
 
Betriebsassistent Lutz Pigors beherrscht die für die Bört notwendige Organisation perfekt. In seinem Büro behält er mit Hilfe von zwei Telefonen, einem Funkgerät, einem E-Mail-Account und einer elektronischen Seekarte ständig den Überblick, welches Schiff wann von See kommend Bremerhaven ansteuert oder wieder von dort wegfahren will. Jedem Schiff weist er einen Lotsen zu. Nach Ende seines Einsatzes muss der Lotse auf dem Versetzschiff draußen in der Deutschen Bucht auf den nächsten Einsatz warten. „Das kann unter Umständen auch mal mehrere Stunden dauern. Aber das Versetzschiff ist wie ein gutes Hotel eingerichtet“, sagt Janssen.
 
Keine Sonderrechte für den Ältermann
 
Als Ältermann hätte sich Janssen von der Lotsenarbeit freistellen lassen können. Dies wäre das einzige Privileg, das der Ältermann für sich beanspruchen könnte, sonst gibt es keine Sonderrechte: „Schreiben Sie bloß nicht, ich sei der Chef der Lotsen“, lacht er. Der Ältermann ist zwar der verantwortliche Ansprechpartner in der Lotsenbrüderschaft – aber er ist Gleicher unter Gleichen und bekommt kein Extrasalär. Selbst die fantastische Aussicht aus seinem Bürofenster ist nichts Besonderes – diese bieten auch die anderen Räume im Lotsenhaus. Zudem zieht Janssen den Blick aufs Wasser von der Brücke eines Schiffes dem aus dem Bürofenster vor: „Auch als Ältermann bin ich Kapitän und Lotse. Da bleibe ich doch nicht an Land.“
 
Pressekontakt:
Jan-Helge-Janssen, erster Ältermann der Lotsenbrüderschaft Weser II / Jade, Telefon +49 (0)471 944 244, E-Mail: ErsterAeltermann@weserjadepilot.de
 

Bildmaterial:
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.
 
Foto 1: Jan-Helge-Janssen, erster Ältermann der Lotsenbrüderschaft Weser 2 / Jade sagt zu seiner Arbeit als Lotse: „Wir stehen den Kollegen an Bord der Schiffe beratend auf dem Weg durch das komplizierte Revier zur Seite.“ © WFB/Jörg Sarbach
 
Foto 2: Für Laien ein abenteuerlicher Anblick, für Lotsen ein alltägliches Unterfangen: Das Auf- bzw. Absteigen der Jakobsleiter an der Bordwand der Frachtschiffe.  © WFB/Jörg Sarbach
 
Foto 3: Einblick in die Einsatzplanung: Die Lotsen werden nach traditionellem Prinzip, der sogenannten „Bört“, organisiert. Lutz Pigors (links), Betriebsassistent, hat den Überblick über alle 110 Bremerhavener Lotzen.  © WFB/Jörg Sarbach
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Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet bereits seit Juli 2008 monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen arbeitet ähnlich wie ein Korrespondentenbüro. Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autorenstücke, die von Journalisten für Journalisten geschrieben werden.

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