Menü

Wirtschaftsförderung
Bremerhaven
Kurze Wege für
die Wirtschaft

Corona-Soforthilfe

Land in Sicht: Hochschule Bremerhaven gibt Studienabbrechern neue Perspektive

16.11.2020, Autor: Wolfgang Heumer
Fast jeder dritte Studierende in Deutschland bricht das Studium ohne Abschluss ab. Die Hochschule Bremerhaven will das nicht hinnehmen. Sie bietet die Orientierungshilfe „Land in Sicht“ an: eine bundesweit einzigartige Form des Dualen Studiums. Studierende können sich beurlauben lassen, um eine Ausbildung zu machen. Der Studienplatz bleibt ihnen sicher.

Als Kim Klochinski sich an der Hochschule Bremerhaven für das Studienfach Lebensmitteltechnologie/Lebensmittelwirtschaft einschrieb, war sie frohen Mutes. Die Berufsaussichten sind rosig, der Bedarf an hochwertigen Lebensmitteln steigt stetig. Zudem ist das Land Bremen einer der führenden deutschen Standorte für die Nahrungsmittelproduktion, hier sind Firmen wie Frosta, Deutsche See oder Frozen Fish International angesiedelt. Doch mit dem ersten Betriebspraktikum im Rahmen des Bachelorstudiums kam sie ins Grübeln. Die heute 25-Jährige durfte in dem Lebensmittelunternehmen auch in die Personalabteilung schnuppern - und stellte für sich fest: „Das Thema Personalwesen, der Umgang mit Menschen ist für mich viel interessanter als das Berufsziel Lebensmittelindustrie, das ich bis zu dem Praktikum hatte“, sagt die Studierende.

Die folgenden Wochen waren durch einen inneren Konflikt geprägt. Studium abbrechen und eine Ausbildung beginnen? Oder „Augen zu und durch“, also weiterstudieren? Der Schlüssel zur Lösung kam ganz unerwartet von der Hochschule Bremerhaven. Sie bietet seit Neuestem das einzigartige Beratungsprojekt „Land in Sicht“ an. Wer mit dem Gedanken spielt, sein Studium abzubrechen, bekommt die Möglichkeit einer Bedenkpause: Für die Dauer einer Ausbildung können sich die Studierenden von ihrem Studium beurlauben lassen. Für Kim Klochinski war das genau das Richtige. Inzwischen absolviert sie eine Berufsausbildung zur Personaldienstleistungskauffrau - und ist glücklich dabei.

Unglückliche Studierende gibt es häufiger als vermutet

Unglückliche Studierende gibt es in Deutschland häufiger, als es das Bild von der unbeschwerten Studienzeit vermuten lässt. Einer Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zufolge wirft nahezu jeder dritte Studierende vor dem Abschluss das Handtuch. Neben einem Gefühl der Überforderung führen die Abbrecherinnen und Abbrecher als Grund am häufigsten eine mangelnde Motivation oder den Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit an. Auch an der Hochschule Bremerhaven war die Zahl der Abbrecher einigermaßen hoch: „Insbesondere galt das für die Ingenieurwissenschaften“, weiß Annika Koppe, die das Programm „Land in Sicht“ in der hochschuleigenen Karriereberatung für Studierende „Career Service Center“ betreut.

Unternehmen möchten Studiumszweifler als Auszubildende einstellen

Der Konrektor der Hochschule, Prof. Dr. Gerhard Feldmeier, mochte diese Tendenz nicht widerspruchslos hinnehmen. Zwei Erkenntnisse führten ihn zu der Initiative „Land in Sicht“. Zum einen fand er auf die Frage nach den Beweggründen der Studienabbrecherinnen und - abbrecher oftmals gar keine Antwort: „Häufig konnten wir ihren weiteren Weg nicht verfolgen.“ Zum anderen wusste Feldmeier aus engen Kontakten zu der Wirtschaft, „dass Unternehmen Studienzweifler mit ersten Studienerfahrungen gerne als Auszubildende einstellen“. Beides war ihm ein guter Grund, eine Instanz für die Beratung potenzieller Studienabbrecher zu schaffen.

Wer mit der Fortsetzung seines Studiums hadert, kann Unterstützung gebrauchen, weiß Kim aus eigener Erfahrung. „Als Studienabbrecher hat man schnell das Gefühl, versagt zu haben.“ Zu dem Gewissenskonflikt gesellte sich ein ganz praktisches Problem. „Ich hatte bis dahin noch nie eine Bewerbung geschrieben.“ Zu der Unsicherheit kam noch eine unterschwellige Befürchtung dazu: Was passiert, wenn die gewählte Alternative zum Studium auch nicht richtig ist?

Urlaub vom Studium als Ausweg aus dem Konflikt

Ein halbes Jahr lang trug Kim die Konflikte mit sich selbst aus, diskutierte sie gelegentlich mit Freunden, kam zwar zu einer Tendenz, aber nicht zu einem Ergebnis. Dann bekam sie eine E-Mail aus dem „Career Service Center“ der Hochschule, die alles änderte. In der E-Mail informierte Annika Koppe alle Studierenden über das neue Programm „Land in Sicht“. Darin enthalten sind eine persönliche Beratung und ein in Deutschland einzigartiges Angebot: Wer vor dem Bachelor- oder Master-Abschluss eine berufliche Ausbildung beginnen will, kann sich für deren Dauer vom Studium beurlauben lassen. Gerade in Studiengängen mit einem beschränkten Zugang hat das einen wesentlichen Vorteil für die Studierenden, wenn sie wieder an die Hochschule zurückkommen. „Ohne diese Beurlaubung würde ihnen der Studienplatz verlorengehen oder sie müssten das gesamte Bewerbungsverfahren von Anfang an durchlaufen“, erläutert Annika Koppe.

Bremerhavener Angebot ist eine besondere Form des dualen Studiums

Für die Urlaubsregelung musste eigens die Immatrikulationsordnung der Hochschule geändert werden. Doch wenn man genau hinschaut, steckt in dem Bremerhavener Programm ein durchaus übliches Studienangebot. „Prinzipiell handelt es sich um ein duales Studium“, sagt Annika Koppe. In solchen Studiengängen wechseln sich Ausbildungszeiten an Hochschule oder Universität mit einer in Abschnitte aufgeteilten betrieblichen Ausbildung ab. „Bei uns wird nach ersten Studienerfahrungen die betriebliche Ausbildung eingeschoben, dann wird das Studium fortgesetzt“, erläutert die Karriereberaterin den Unterschied zum klassischen dualen Studium. 

Positives Echo aus der Wirtschaft

Die ersten Reaktionen aus Unternehmen in der Region zeigen nach Angaben der Hochschule, dass das Modell in der Wirtschaft ein positives Echo findet. Studienabbrecherinnen und -abbrecher sind dort offensichtlich viel willkommener, als sie es selbst erwarteten. „Aus Sicht der Firmen haben sie klare Vorteile gegenüber Schulabgängerinnen und Schulabgängern“, ist Annika Koppe überzeugt. „Sie verfügen über mehr Lebenserfahrung und haben an der Hochschule bereits gelernt, systematisch und zielorientiert zu arbeiten.“ Ein Studienabbruch sei ohnehin kein Makel, betont die Karriereberaterin: „Die Entscheidung unterstreicht vielmehr, dass sich diejenigen bewusst und intensiv mit ihren Berufswünschen beschäftigt haben.“

„Es war eine deutliche Erleichterung“

Kim Klochinski kann dies aus eigener Erfahrung bestätigen. „Es war schon eine deutliche Erleichterung, als ich mir über mich und meine Interessen mit Hilfe des Career Centers klar geworden bin“, sagt sie. Gleich ihre zweite Bewerbung war erfolgreich. Inzwischen absolviert sie in der Pensum Bremen GmbH eine Ausbildung zur Personaldienstleistungskauffrau. Ob sie nach der erfolgreichen Prüfung an die Hochschule zurückkehren und ihr Studium fortsetzen wird, ist für sie derzeit noch keine Frage, mit der sie sich beschäftigt. „Prinzipiell ist es auf jeden Fall eine gute Kombination aus Praxis und Theorie“, sagt sie. „Aber jetzt konzentriere ich mich voll und ganz auf die Ausbildung.“ Denn nach all den Monaten des Zweifelns und Überlegens war ihr schon nach wenigen Tagen im Ausbildungsbetrieb klar: „Das ist genau das, was ich mir vorgestellt habe“, freut sie sich.

Pressekontakt:
Annika Koppe, Hochschule Bremerhaven, Career Service Center, Tel.: +49 471 4823365, E-Mail: csc@hs-bremerhaven.de

Bildmaterial:
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

Foto 1: Die 25-jährige Kim Klochinski hat eine Studienpause eingelegt und macht eine Ausbildung in der Bremer Personalvermittlung Pensum. Der Studienplatz ist ihr weiterhin sicher. © WFB/Jörg Sarbach
 
Foto 2: Annika Koppe betreut das Programm „Land in Sicht“ in der hochschuleigenen Karriereberatung für Studierende „Career Service Center“. © WFB/Jörg Sarbach

Foto 3: Die Hochschule Bremerhaven bietet das bundesweit einmalige Programm „Land in Sicht“ an. Es ermöglicht potenziellen Studienabbrechern, ihr Studium nach einer Pause wieder aufzunehmen. © WFB/Jörg Sarbach

________________________________________
Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet bereits seit Juli 2008 monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz, herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autoren- und Autorinnenstücke, die von Journalist*innen für Journalist*innen geschrieben werden. Es ist erwünscht, dass Redaktionen den Text komplett, in Auszügen oder Zitate daraus übernehmen.

Bei Fragen schreiben Sie einfach eine E-Mail an pressedienst@wfb-bremen.de.

 

/suche/
Menü