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Hochschule Bremerhaven: Studieren wie man ein Unternehmen gründet

27.03.2019, Autor: Bremer Pressedienst/W. Heumer
51 Studierende der Hochschule Bremerhaven haben Genossenschaften gegründet, unter deren Dach sie jetzt eigene Firmenideen umsetzen.

Vom klassischen Bild einer Firmenzentrale sind die Büros weit entfernt: Selbst im Vergleich zu einer Genossenschaft sind die Räume sparsam ausgestattet. Und doch sind die Arbeitsplätze von Laura Nienstädt, Jannik Meissner und Tim Lehner im alten Bremerhavener Fährhaus eine Art Chefetage. Der Großraum ist zugleich auch ihr Hörsaal. Die drei jungen Leute gehören zu den 51 Studierenden des im Wintersemester 2018/19 gestarteten Studiengangs „Gründung – Innovation – Führung“ (GIF) an der Hochschule Bremerhaven. Wer dort lernt, muss zu Beginn des ersten Semesters Unternehmer werden. Nicht nur das macht den Studiengang einmalig - GIF ist das erste Studienangebot in Deutschland, das nach dem Vorbild der finnischen Team-Academy ohne festen Lehrplan auskommt. „Das ist so super, dass ich nun in Bremerhaven statt in Wien studiere“, sagt Jannik Meissner.
 
„Ich musste ein paar Mal nachfragen, was das ist“
 
Ein Studium ohne Vorlesungen, definierte Stundenpläne und Inhalte - an deutschen Hochschulen war das derart undenkbar, dass Michael Vogel mit dem Begriff Team Academy zunächst nichts anfangen konnte. Vogel ist Professor für Entrepreneurship Education an der Hochschule Bremerhaven. Vor ein paar Jahren war er einer solchen Academy das erste Mal an einer spanischen Hochschule begegnet: „Ich musste ein paar Mal nachfragen, was das eigentlich ist.“
 
Selbständig lernen - Coaches unterstützen die Studierenden


Das Prinzip war schnell erklärt: Die Studierenden lernen selbstständig in Teams, entdecken und definieren gemeinsam ihren Wissensbedarf und suchen mit Hilfe von Coaches die Antworten. Neben der Bachelorarbeit zum Abschluss entscheidet letztlich die Dokumentation ihrer selbstständigen Arbeit über den Studienerfolg. Weil Vogel die Begeisterung der spanischen Studenten spürte, ging er der Team-Academy auf den Grund: „Das Prinzip wurde vor 25 Jahren in Finnland entwickelt und ist dort seitdem sehr erfolgreich.“ Der Bremerhavener Hochschullehrer begeisterte sein Rektorat für das Prinzip, fuhr mit einer Delegation nach Finnland - und bekam anschließend grünes Licht, den Studiengang „Gründen - Innovation - Führung“ ins Leben zu rufen. Die Finnen hatten ihm noch mit auf den Weg gegeben, mit dem neuen Angebot den Hochschul-Campus zu verlassen: „Eure Arbeitsweisen und Möglichkeiten werden bei den anderen Studiengängen Begehrlichkeiten wecken.“ So kam GIF ins Alte Fährhaus.
 
Symbolisches Gründungskapital von einem Euro
 
„Luova“, „bluebird“ und „StartDocks“ steht am Eingang des Alten Fährhauses. So heißen die drei Genossenschaften, die die Studierenden gegründet haben. Neben dem symbolischen Gründungskapital von einem Euro haben die „Genossen“ Dutzende von Geschäftsideen mitgebracht, die sie in den kommenden Semestern im Detail ausarbeiten und ausprobieren werden. Mit echten Gewinnerzielungsabsichten: „Wir werden tatsächlich mit unseren Ideen Geld erwirtschaften, und es dann wieder in unsere Ideen investieren“, versichert Tim Lehner. Die Konstruktion der Genossenschaften ist der gesellschaftsrechtliche Rahmen, in dem die einzelnen Mitglieder ihre Geschäftsideen realisieren werden. Die Genossenschaft finanziert notwendige Investitionen oder sonstige Maßnahmen allein aus den Einnahmen ihrer Mitglieder, Schulden dürfen nicht gemacht werden.
 
„Stur nach Lehrplan zu lernen, wäre nicht mein Ding gewesen“
 
Erst eine Firma gründen und dann lernen? Klassischerweise wäre der umgekehrte Weg zu erwarten. Doch das Prinzip der Team Academy macht diesen Weg möglich. Einer Genossenschaft gehören jeweils 15 bis 17 Studenten an, die sich in Teams von jeweils zwei bis sechs Leuten aufteilen. Diese Teams kümmern sich um jene Fragen, zu denen sie im Rahmen ihres Unternehmerdaseins Informationen benötigen. Zur Seite stehen ihnen Coaches und die Lehrenden der Hochschule. Das Prinzip des selbstverantwortlichen Lernens ist es, das den Studiengang so attraktiv macht. „Stur nach Lehrplan zu lernen, wäre nicht mein Ding gewesen“, sagt Jannik Meissner. Er verfolgte schon vor dem Studium eigene Geschäftsideen, selbstständiges Denken und Handeln will er auch an der Hochschule nicht aufgeben und gegen einen Stunden- und Fächerplan tauschen.
 
Hohes Maß an Disziplin und Motivation erforderlich
 
Leistungspunkte müssen die GIF-Studierenden dennoch sammeln, aber sie erreichen sie nicht durch Abfrage von Wissen: „Wesentlicher Maßstab ist, ob wir unseren für die Selbstständigkeit erforderlichen Wissensbedarf erkannt und wie wir ihn gedeckt haben“, erläutert Jannik Meissner. Diese ungewöhnliche und selbstbestimmte Form des Lernens erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Motivation. Laura Nienstädt hat dies überhaupt zu dem Studiengang geführt: „Ich bin in einem Familienunternehmen groß geworden. Das hat mich geprägt, ich will Unternehmerin werden. Und dieser Studiengang fördert genau das, was ich dafür brauche - Selbstständigkeit, Wissen, Ideen und Zielstrebigkeit.“
 
Vorwissen der Studierenden fällt sehr unterschiedlich aus
 
Die studierenden Jungunternehmer haben das erste Semester gerade absolviert. Anfangs seien sie selbst noch etwas unsicher gewesen, ob das enge Miteinander mit den Kommilitonen klappen könne, die sie vorher gar nicht kannten. Zudem haben die Studierenden extrem unterschiedliche Hintergründe: „Die Bandbreite reicht vom Abiturienten über den Handwerker bis zu Leuten, die bereits ein Studium mit Master-Abschluss absolviert haben“, sagt Vogel.
 
Für den Erfolg ist der eine auf den anderen angewiesen
 
Doch offenbar stimmt nicht nur die Chemie: „Das Prinzip der Genossenschaften hat uns zusammengeschweißt“, sagt einer der Studenten, der im Hintergrund der „Chefetage“ an seinem Projektkonzept arbeitet, „für den Erfolg der eigenen Idee ist jeder auf den anderen angewiesen.“ Die Bandbreite der Aktivitäten ist groß: Während einige Studierende noch in der Ideenfindungsphase sind, haben andere bereits erste Erfolge erzielt. Ein Team, so berichtet Vogel, sei bereits in konkreten Gesprächen mit einem namhaften Interessenten, um ein kameragestütztes Tool für die Kunden-Analyse im Einzelhandel zu entwickeln. Die Motivation ist spürbar höher als in klassischen wirtschaftlich orientierten Studiengängen. Das liegt sicherlich auch daran, dass viele der Studierenden - wie Tim Lehner und Jannik Meissner - schon vorher selbstständig gearbeitet haben. „Wir wissen, dass es geht und holen uns jetzt noch mehr Kenntnisse“, so Meissner. Und ganz nebenbei bekommen sie dafür am Ende noch den Bachelor-Abschluss.
 
Pressekontakt:
Prof. Dr. Michael Vogel
Hochschule Bremerhaven
Telefon +49 (0)179 7003131
mvogel@hs-bremerhaven.de
 

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