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Wirtschaftsförderung
Bremerhaven
Kurze Wege für
die Wirtschaft

„Bremerhaven ist mein Ankerplatz!“

19.03.2019, Autor: BIS/G. Becker
Prof. Dr. Antje Boetius wird mit dem Deutschen Umweltpreis 2018 ausgezeichnet – wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.
Spitzenforscherin, Brückenbauerin zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft und Bremerhavener Stimme bei UN-Prozessen: Die Meeresbiologin Prof. Dr. Antje Boetius ist seit Herbst 2017 Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Darüber hinaus hält sie eine Professur für Geomikrobiologie an der Universität Bremen. Über 40 Tiefsee-Expeditionen hat Boetius absolviert. Unbekannte Lebensräume wie die Tiefsee unter dem Eis der Polarmeere haben es ihr besonders angetan: „Wer einmal in der Tiefsee war und erlebt hat, was für ein gigantischer und vielfältig schöner Raum das ist, der kommt verändert zurück. Das ist vergleichbar mit dem, was Astronauten spüren, wenn sie unsere kleine, blaue Murmel vom All aus betrachten: Unser Lebensraum ist fragil und wir haben nur den einen!“
Mit dieser Botschaft wendet sich die Forscherin immer wieder an die Öffentlichkeit, hält Vorträge, gibt Interviews und nutzt ihre ausgezeichnete Vernetzung – regional wie international. Dafür wurde Antje Boetius zuletzt mit dem Communicator-Preis ausgezeichnet. Dieser von der Deutschen Forschungsgemeinschaft vergebene Preis würdigt besondere Kommunikationsleistungen. Nun ist bekannt geworden, dass sie im Oktober den Deutschen Umweltpreis erhält, die höchste europäische Auszeichnung für Pioniere des nachhaltigen Umweltschutzes wie die Stiftung schreibt.
Im Interview spricht die AWI-Direktorin über den Wissenschaftsstandort Bremerhaven und den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, der ihr seit jeher am Herzen liegt.

Frau Boetius, Sie haben bereits am AWI promoviert. Was bedeutet es für Sie, wieder in der Seestadt zu sein?

A.B.: Ich war immer wieder hier, praktisch in jeder Karrierestufe, angefangen als Studentin, als Doktorandin habe ich drei Jahre in Geestemünde gelebt. Heute habe ich dort auch eine kleine Wohnung gemietet für die langen Tage. Ich habe auch eine Wohnung in Bremen mit der Nähe zu Uni und zum Flughafen, denn Meeres-, Polar- und Tiefseeforschung bedeutet weltweites Arbeiten. Die „Was-wird-aus-unserer-Erde?-Problematik“ können wir nun mal nur international bearbeiten. Ich treffe weltweit Direktoren, Wissenschaftler, Industrie und Politik, berate oder tausche mich aus und berichte über unsere Arbeit. Durch den einzigartigen Forschungseisbrecher Polarstern, die Neumayer Station in der Antarktis und durch unsere nördlichste Station, das Forschungsdorf Ny Alesund in Spitzbergen, spielt Deutschland – und damit auch Bremerhaven – international in der Polarbeobachtung eine sehr starke Rolle.

Wissenschaft wächst in Bremerhaven. Welche Kooperationen pflegen Sie hier am Standort?

A.B.: Seitdem klar war, dass die Thünen-Institute für Seefischerei und für Fischereiökologie nach Bremerhaven kommen, haben wir eine Arbeitsgruppe eingerichtet zur Entwicklung von Kooperationen. Insgesamt ist die Forschungsinfrastruktur in Bremerhaven einfach sehr gut. Das Schifffahrtsmuseum wächst in der Forschung und wir arbeiten zusammen über die Geschichte der Polarforschung. Wir haben die Hochschule mit maritimen Studiengängen, Fraunhofer für Windenergie und seit neuestem auch das Institut für den Schutz maritimer Infrastrukturen DLR. Wissenschaft ist inzwischen ein bedeutender, dynamischer Arbeitgeber hier in Bremerhaven. Und Wissenschaft pflegt ein sehr gutes Netzwerk untereinander. Das bedeutet nicht, dass wir im Elfenbeinturm sitzen: Wir beteiligen uns an Gestaltungsprozessen in der Stadt und im Land, treffen Politik, Wirtschaftsförderung, maritime Wirtschaft und Unternehmen aus anderen Bereichen. Das Verhältnis zu allen Akteuren in Bremerhaven ist sehr gut und offen, wir helfen uns gegenseitig. Der ökonomische und soziale Wert von Wissenschaft für eine Stadt lässt sich übrigens messen. Deshalb reden wir mit und arbeiten daran, dass noch mehr Wissenschaftler in der Stadt heimisch werden. Das AWI ist ein gesellschaftlicher Akteur und beteiligt sich. Das geht von Kinder-Uni bis zu Kooperationen mit dem Theater; es ist eine schöne Aufgabe, diese Rolle gut auszufüllen.
 
Das AWI hat im Frühjahr Gebäude übernommen, die ehemals von der Lebensmittelindustrie genutzt wurden. In welchen Bereichen wachsen Sie?
 
A.B.: Ja, auf der anderen Seite des Handelshafens bekommen wir einen neuen Campus. In den Klimawissenschaften gibt es ein enormes Wachstum vor allem im Bereich Modellierung und Simulation. Hier werden die Auswirkungen des Klimawandels anschaulich gemacht. Als ersten Baustein für den Campus können wir das ehemalige Verwaltungsgebäude der DEUTSCHE SEE nutzen. Und parallel zur Errichtung unseres neuen Technikums auf dem Gelände vielleicht auch noch das früher, von der NORDSEE genutzte Bürogebäude. Das begeistert mich: Dort, wo ehemals der Kabeljau wirtschaftlich verwertet wurde, wird heute erforscht, wie der zukünftige Lebensraum des Kabeljaus im Nordmeer aussieht.
 
Überfischung, Klimawandel, Tiefseeschutz, Mikroplastik: Wo sind setzt das AWI Forschungsschwerpunkte. Welches ist das drängendste Problem?
 
A.B.: Es gibt kein Ranking des Schrecklichsten. Wir müssen an allen Problemen gleichzeitig arbeiten. Das ist komplex. Wichtig ist, dass wir grundsätzlich verstehen, wie die Wirkungsketten des Menschen auf die Erde sind. Diese versuchen wir zu erforschen und transparent zu kommunizieren. Darin versteckt sich ein Thema, das gern vergessen wird: Die Ressourcen sind endlich! Zum Beispiel haben Plastik und Kunststoffe aus Erdöl natürlich die Lebensqualität enorm verbessert. Mich erstaunt aber immer wieder, dass bei der kontinuierlichen Optimierung des Materials niemals die Frage nach dem Verbleib gestellt wurde. Heute stehen wir vor dem Problem, dass Plastik überall enthalten ist. Tüten, Flaschen und Folien sind nur ein Teil. Kleidung und Teppiche weltweit sind voller von Kunststoffe, die über den Abrieb in unseren Waschmaschinen in die Meere gelangen. Da sollten wir uns immer wieder fragen: Brauchen wir all das?

Haben wir dafür noch die Zeit?

A.B.: Wir müssen uns die Zeit dafür jetzt organisieren. Null Plastik geht nicht, wie auch Null-Erdöl utopisch ist. Aber man könnte durchaus schnell reagieren. Wenn die Industrie in großem Umfang – wie bei den FCKWs – sagt, diesen Stoff setzen wir nicht mehr ein, dann können wir die Kurve noch kriegen. Warum soll das beim Plastik nicht funktionieren? Auch über eine CO2- oder eine Plastik-Steuer könnte etwas erreicht werden. Das AWI war da früh an der Forschung dran und hat die Wirkungskette aufgezeigt: Das Plastik landet im Meer, es wird von den Tieren gefressen, bleibt an den Tiefseeschwämmen hängen, treibt mit dem Eis. Auch bei der Frage zu Wirkungen des Klimawandels auf Polarsysteme und Küsten waren wir ganz vorn dran, ebenso bei der Veränderung der Biosphäre. Wir haben unser Wissen zu jeder Zeit geteilt: Auf Webseiten, in Broschüren und diversen Gremien. Wir kommunizieren also viel gesellschaftlich wichtiges Wissen, aber das allein scheint nichts zu nützen. Ich wundere mich da schon manchmal, warum es der Politik nicht gelingt, aus all dem Wissen nun Regeln abzuleiten.

Kommunikation – ein entscheidender Teil Ihrer Arbeit …

A.B.: In die Kommunikation nach außen sowie in das Aufnehmen von Fragen aus der Gesellschaft, fließt ein immer größerer Teil unserer Zeit und Mittel. Es gibt einen Baustein, den halte ich für unterschätzt: die Vermittlung von Werten und Zielen, schon in der frühkindlichen Bildung. Nochmal das Beispiel Plastikmüll: Das ist in Schulen inzwischen ein Thema. Das ist eine gute Entwicklung. Wir könnten grundsätzlich mehr in der Bildung tun, um den Respekt vor der Natur und den Ressourcen von klein auf zu vermitteln.

Muss die Wirtschaft stärker einbezogen werden?

A.B.: Natürlich ist die Wirtschaft ein ganz wesentlicher Akteur in der Frage der Zukunftsgestaltung und im Bereich des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen. Auch hier hat das AWI einige Berührungspunkte: zum Beispiel im Bereich Aquakultur und Bionik, aber auch in verschiedenen Elementen der Küstenforschung und der Klimawandelforschung. Ein anderes Beispiel: Im UN-Programm Global Compact sitze ich mit der maritimen Großindustrie am Tisch. Da geht es darum, bei den drängenden Themen wie Tiefsee- und Meeresschutz, Folgen des Klimawandels oder Flüchtlingsströme weiterzukommen. Die Wirtschaft braucht Fakten, welche Anpassungsmechanismen notwendig sind, um im Wettbewerb nicht zu verlieren. Dabei spielen gerade Innovationen für die Nachhaltigkeit eine große Rolle.

Wie kommen wir weiter?

A.B.: Wirtschaft braucht auch klare Spielregeln, das heißt Vorgaben aus der Politik. Hier müssen schneller die Rahmenbedingungen für Veränderung geschaffen werden. In der Politik gibt es aber viele Zwänge, bevorstehende Wahlen zum Beispiel. Ich denke aber, kein Druck darf derzeit die notwendige Transformation in eine nachhaltige Entwicklung überschreiben, an der alle mitarbeiten müssen.

Was kann jeder Einzelne tun?

A.B.: Jeder kann etwas beitragen in seinem Alltag. Es geht auch um Werte: Respekt vor der Natur, dem Leben und den Rohstoffen der Erde zu haben. Sich mit dem beschäftigen, was man wirklich braucht für ein gutes Leben. Sich erkundigen, eine Meinung bilden, Fragen stellen. Wir Erdsystemforscher können über ganz große Zeiträume denken und wir müssen den Menschen vermitteln, dass das, was wir heute tun, Auswirkungen das Leben drei Generationen später hat. Wenn Sie so wollen, haben wir die besondere Gabe, zeitreisefähig zu sein! Dieses Wissen muss besser ausgeschöpft werden und zu Handlungen führen. Da kann der Einzelne auch über seine Stimme bei Wahlen nachdenken und darüber, welche Parteien Lösungen für unsere Klima- und Umweltprobleme anbieten.

Als Direktorin haben Sie nur noch wenig Zeit für die Forschung und für Reisen in die Tiefsee.

A.B.: Wo ich kann, nehme ich mir die Zeit. Natürlich kann ich nicht mehr wie früher drei Monate zur See fahren. Ich bin für den Arbeitsplatz von 1.250 Menschen verantwortlich und für die gute, kreative, dynamische Umgebung und Förderung, die die Wissenschaft braucht. Mein Anspruch ist es, trotz Managementaufgaben der Forschung ganz nah zu sein. Auch wenn ich nicht mehr persönlich im Labor oder an Deck stehe, gibt es viel zu besprechen, zu lernen aus den neuen Erkenntnissen der Wissenschaftler bei uns und international. Ein neues Element ist dafür zu sorgen, dass sich möglichst viele Menschen selbst ein Bild von der Veränderung in Polarregionen, Ozeanen und der Küste machen können. Wenn wir als Menschen die Schönheit und Besonderheit der Meere und Polarregionen erleben, wenn wir mit eigenen Augen sehen, wie schnell die Gletscher abschmelzen, der Permafrost taut und das Meereis schwindet, dann verändert das uns alle. Wissenschaft fühlt den Puls der Erde und es ist unsere Aufgabe, die Menschen daran teilhaben zu lassen.
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